Nach einem Unfall im Tunnel an der Rappbodetalsperre ist gegen einen 30 Jahre alten Mann aus Wernigerode Anklage erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr und Körperverletzung vor.

Wernigerode/Rübeland l Knapp sechs Monate nach den tragischen Augenblicken im Tunnel an der Rappbodetalsperre ist für Henrieke A. längst noch nichts wieder wie vorher: "Ich lerne nach einer monatelangen Therapie gerade erst wieder mühsam das Laufen", berichtet die 34-Jährige. Immerhin könne sie das mit Gehhilfen mittlerweile wieder. Die Einschränkungen in ihrem privaten wie beruflichen Leben seien jedoch massiv. Knapp sechs Monate, nachdem ein Opelfahrer die 34-Jährige in jenem Tunnel angefahren und schwer verletzt hatte, ist Henrieke A. noch immer nicht arbeitsfähig. Und - was noch schlimmer wiegt: "Ob die Verletzungen richtig ausheilen oder doch etwas auf Dauer zurückbleibt, ist im Moment noch völlig unklar", sagt die junge Frau, die in einem Dorf bei Goslar lebt.

Immerhin: Henrieke A. lebt. Allein das grenzt - legt man die Schilderungen von Augenzeugen zugrunde - durchaus an ein kleines Wunder. Zeugen und Ersthelfer sowie Feuerwehrleute, Polizeibeamte und Rettungskräfte, die an jenem Oktobersonntag 2014 vor Ort waren, sprachen von entsetzlichen und schockierenden Bildern. Der Fahrer eines Opel Ascona - ein damals 29 Jahre alter Mann aus Wernigerode - hatte die Gewalt über sein Fahrzeug verloren, war ins Schleudern geraten und hatte schließlich Henrieke A. im Tunnel auf dem Gehweg erfasst.

"Mein Freund und ich waren gerade auf dem Weg durch den Tunnel rüber zur Staumauer als plötzlich drei Autos an uns vorbeifuhren", erinnert sich die 34-Jährige im Gespräch mit der Volksstimme. Während sie den "aufgemotzten" Wagen noch hinterherschaute, habe es plötzlich hinter ihr ein lautes Geräusch gegeben.

Lärm, der ihr womöglich das Leben rettete, denn: "Ich habe mich umgedreht und sah in diesem Moment schon den Opel auf mich zuschleudern." Instinktiv sei sie noch hochgesprungen und habe so verhindert, dass sie vollends vom Auto erfasst wurde. Gleichwohl waren die Folgen immens: Henrieke A. erlitt schwerste Beinverletzungen, wurde sofort in die Uniklinik Magdeburg geflogen, lag wochenlang im Krankenhaus und musste mehrfach operiert werden.

Für den Halberstädter Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck ist die Ursache für die Tragödie im Tunnel mittlerweile klar: "Nach dem uns vorliegenden Gutachten soll der Fahrer des Opel sein Fahrzeug beim Durchfahren des Tunnels weit über das Normalmaß hinaus beschleunigt haben, sodass die Hinterräder durchdrehten, er ins Schleudern geriet und schließlich die Kontrolle über das Auto verlor."

Dafür und für die Folgen, so Roggenbuck, sei allein der Fahrer des Opel Ascona verantwortlich, der nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Wernigerode angeklagt werden soll. Ein vereinfachtes Verfahren mit Strafbefehl und ohne öffentliche Verhandlung hält Roggenbuck angesichts der Unfallschwere nicht für ausreichend.

Ein Termin für die Verhandlung gegen den heute 30 Jahre alten Mann aus Wernigerode steht nach Angaben eines Sprechers des dortigen Amtsgerichtes noch nicht fest.

Wie der Beschuldigte die damaligen Momente aus heutiger Perspektive sieht, ist unklar. Henrieke A. hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten keinen Kontakt zum Opelfahrer gehabt. Einen Besuch direkt nach dem Unfall im Krankenhaus habe sie nicht gewünscht, danach habe sich der Fahrer nicht wieder gemeldet.

Dass die Ermittlungsergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft zutreffend sein dürften, wird beim Blick auf das Unfallauto deutlich. Der weiße Opel lässt motorsportliche Ambitionen erkennen. An der Seite prangt die Aufschrift "Sport", im Inneren ist ein Überrollbügel erkennbar. Obendrein outet sich der Fahrer als Fahrzeugbastler - soll er da wirklich nicht mit dem Gaspedal umgehen können?

"Ob die Verletzungen richtig ausheilen oder doch etwas auf Dauer zurückbleibt, ist im Moment noch völlig unklar."

Henrieke A., Unfallopfer

Fakt ist: Der enge Tunnel an der Rappbodetalsperre motiviert Motorrad- und Autofahrer immer wieder zu waghalsigen Manövern und illegalen Rennen. Deshalb sollen in Kürze vor den Tunneleinfahrten Rüttelstreifen als Tempobremse montiert werden.

Henrieke A. erhofft sich vom Prozess Klarheit, warum sie diesen schweren Unfall erlitt und an dessen gravierenden Folgen bis heute leiden muss.