Laut Kreisverwaltung wohnen in Oschersleben zurzeit 111 Asylsuchende, davon 8 Familien. Sie sind in Wohnungen der kommunalen Wohnungsgesellschaft Bewos untergebracht und verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet. Doch nun ist der Landkreis Börde auf der Suche nach einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber. Eine geplante zentrale Unterbringung ruft einigen Unmut in der Bodestadt hervor.

Oschersleben l Die Suche nach einer Gemeinschaftsunterkunft geht aus einer öffentlichen Ausschreibung der Kreisverwaltung im Ausschreibungsblatt für Sachsen-Anhalt hervor. Demnach soll die Bleibe ab Juni 2016 Platz für 150 bis 200 Menschen bieten. Angedacht ist zunächst eine Laufzeit von sechs Jahren.

Diese Nachricht kam bei Oscherslebens Bürgermeister Dieter Klenke (parteilos) zunächst nicht gut an. "Der Landkreis hatte die Stadt im Frühjahr 2014 über den Verteilungsschlüssel informiert. Es waren Voraussetzungen zu schaffen mit dem vorrangigen Ziel, eine dezentrale Unterbringung zu gewährleisten", erklärt der Rathauschef gegenüber der Volksstimme. Als Gründe gibt Klenke eine bessere Integration der Flüchtlinge in die Gesellschaft sowie eine bessere Sicherheit an.

Ein Betreuer ist für 100 Flüchtlinge zuständig

"Die Neugier war groß in Hadmersleben und Hornhausen, denn durch den Zuzug junger Familien mit Kindern erhoffte man sich eine bessere Auslastung und die Sicherung der Grundschulen vor Ort", sagt der Bürgermeister weiter. Auch hätten die Wohnungsgesellschaften Bewos und "Neues Leben" ihre Bereitschaft erklärt, an der Lösung des Problems mitzuarbeiten und Wohnungen zur Verfügung zu stellen.

Allerdings hätten sich im Gegensatz zu vor einem Jahr einige Randbedingungen erheblich verändert. "Vor zwölf Monaten ist nicht klar gewesen, in welchen Größenordnungen der Landkreis Flüchtlinge aufnehmen wird. Und dass die Zahl der Flüchtlinge wohl weiter ansteigen wird, war damals einfach nicht abzusehen", meint Dieter Klenke.

So werde auch die Anzahl der Bewerber in Oschersleben zunehmen. Außerdem macht der Rathauschef deutlich, dass im Umfeld von Unterkünften Infrastruktur wie Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte sowie Apotheken vorhanden sein müssen. "Deshalb kommt Oschersleben überhaupt erst als Standort infrage", betont Klenke.

Doch aufgrund des höheren Bedarfs sei die einst gewünschte dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern nicht mehr möglich. "Aus Praktikabilitätsgründen muss zentral unterbracht werden, auch um den Betreuern - einer soll für 100 Flüchtlinge zuständig sein - lange Wege zu ersparen. Hier ist das Land gefordert, durch höhere Investitionen die Betreuungskräfte aufstocken zu können", fordert das Stadtoberhaupt und betont: "Ich kann nur die Bitte äußern, die Unterbringung von Flüchtlingen dezentral zu gestalten. Der Landkreis hat sich zu dieser Ausschreibung auch nur aus der Not heraus entschlossen", ist er überzeugt.

Eine Volksstimme-Anfrage an den Landkreis bestätigt die Aussagen Klenkes. "Die zusätzliche Gemeinschaftsunterkunft ist aufgrund der steigenden Asylzahlen nötig", teilt Fachbereichskoordinatorin Iris Herzig mit und fügt hinzu: "Der Landkreis Börde hält für die Erstorientierung der zugewiesenen Asylsuchenden Gemeinschaftsunterkünfte vor."

Eine Wohnung nach sechs Monaten

Doch spätestens nach sechs Monaten sollen Familien mit Kindern beziehungsweise Alleinerziehende mit Kindern in Wohnungen umziehen können. Auch Einzelpersonen sollen ab sechs Monaten bei Vorliegen aller Voraussetzungen in Wohnungen oder Wohngemeinschaften ziehen. "Der Landkreis behält eine dezentrale Wohnungsunterbringung bei", betont die Verwaltungsmitarbeiterin.

Allerdings rechne sie in diesem Jahr mit Zuweisungen von bis zu 1200 Personen für den gesamten Kreis. "Die dafür benötigten Wohnungen müssen angemietet werden. Wenn nicht genügend in geeigneter Lage vorhanden sind, muss über andere Alternativen nachgedacht werden", sagt Herzig.

Wieviel die neue Gemeinschaftsunterkunft in Oschersleben kosten soll, könne nicht genau beziffert werden, da sich die erforderlichen Mittel nach dem Umfang der Wohnungszuweisung und nach dem Ergebnis der Ausschreibung richten. Die Kostenerstattung erfolge im übrigen durch das Land.

Prämisse liegt bei dezentraler Unterbringung

Bürgermeister Dieter Klenke ruft private Hausbesitzer auf, sich an Lösungsvorschlägen zu beteiligen und Unterbringungsmöglichkeiten zu melden. Er sieht die Gefahr, dass sich ein Investor aus den Niederlanden an der Ausschreibung beteiligen könnte. Dabei geht es um ein Objekt in der Humboldtstraße im Neubaugebiet Wasserrenne. "Ich halte die zentrale Unterbringung hier nicht für richtig, um Vorbehalten in der Bevölkerung aus dem Weg zu gehen und die Integration der Flüchtlinge zu erleichtern", unterstreicht das Stadtoberhaupt.

So sieht das auch der Geschäftsführer der kommunalen Wohnungsgesellschaft Bewos, Thomas Harborth. Das städtische Unternehmen habe aktuell 25 Wohnungen für den Landkreis zur Verfügung gestellt. "Generell liegt unsere Prämisse bei einer Verteilung der Asylbewerber auf unterschiedliche Wohnbereiche, also auf einer dezentralen Unterbringung", sagt er. Aufgrund des zu erwartenden Zustroms von Flüchtlingen werde dies allerdings nicht mehr funktionieren.

In Hornhausen keine zentrale Unterbringung

"Eine zentrale Lösung muss her, aber eine Konzentration der Asylbewerber wie in dem privaten Wohnprojekt in der Humboldtstraße lehnen wir ab", macht Harborth deutlich und fügt hinzu: "Hier stellt der holländische Eigentümer dem Landkreis offenbar Wohnungen zur Verfügung. Es ist anzunehmen, dass er sich auch an der Ausschreibung beteiligen wird." Doch Flüchtlinge müssten in einem städtebaulich vernünftigem Umfeld untergebracht werden und nicht in einem dicht besiedelten Wohngebiet.

Auch die Bewos werde ein der Ausschreibung entsprechendes Angebot abgeben. "Ich denke, ein passendes Objekt haben wir bereits gefunden. Nun prüfen wir die Umsetzung der erforderlichen Ausschreibungskriterien", erklärt der Bewos-Chef weiter. Um welches Objekt es sich handelt, wollte er allerdings noch nicht preisgeben.

Stadtratsmitglied René Herbert (FUWG) erklärte gegenüber der Volksstimme: "Ich unterstütze die Pläne der Bewos einer dezentralen Unterbringung und bin gegen eine Massentierhaltung von Menschen". Auch er lehne den Block in der Wasserrenne grundsätzlich ab, Konfliktpotential in diesem eng besiedelten Gebiet sei vorprogrammiert.

Auch Oscherslebens künftiger Bürgermeister Benjamin Kanngießer (parteilos) äußerte sich gegenüber der Volksstimme. "Ich halte die Pläne für eine zentrale Unterbringung des Landkreises für äußerst kurzsichtig", sagt er. Seiner Meinung nach könnten die gesellschaftlichen Kosten bei einer zentralen Unterbringung im Nachhinein in die Höhe schnellen. "Vorfälle wie in Tröglitz sind leider nicht gänzlich ausgeschlossen. Das könnte das Image von Oschersleben beschädigen. Der Schaden wäre größer als für eine dezentrale Unterbringung", begründet Kanngießer seine Meinung.

Junge Familien könnten Schulstandorte sichern

"Wir stehen künftig vor einer großen Herausforderung", sagt der künftige Bürgermeister weiter und ergänzt: "Die Motive der Flüchtlinge, hierher zukommen, sind nachvollziehbar, die Weltlage ist in den vergangenen Jahren nicht besser geworden." Eine dezentrale Unterbringung sei die beste Lösung hinsichtlich der Integration und der Probleme, die aus einer zentralen Unterbringung erwachsen könnten. "Dennoch verstehe ich den Landkreis, der offenbar Schwierigkeiten bekommt, die hohen Zahlen an Flüchtlingen zu händeln. Laut Betreuungsschlüssel sind einfach zu wenig Betreuer für eine zu große Anzahl von Flüchtlingen zuständig", bemängelt Kanngießer. Er würde gern auch Ortsteile wie Hornhausen in die Pflicht nehmen. "Denn durch die Unterbringung junger Familien mit Kindern wäre der Schulstandort in dem Oschersleber Ortsteil gesichert."

 

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