Die Schmerzgrenze ist erreicht: Beckendorfer Bürger wollen eine Rattenplage mitten in ihrem Dorf nicht mehr hinnehmen. In einem alten Bauernhof tummeln sich die Nager in Massen. Das Ordnungsamt ist eingeschaltet und beschäftigt sich seit Monaten mit diesem Problem.

Oschersleben l Zwei Anwälte, dicke Aktenordner - doch die Lösung für die Beckendorfer Rattenplage scheint nicht wirklich in Sicht. Auch wenn es am Montag nach langem Hin und Her tatsächlich gelang, den Bruder als den beauftragten Vertreter des Besitzers des alten Bauernhofes in den Ort zu holen.

Er hört sich an, was Anwohner und Ordnungsamt zu sagen haben, aber schnell ist er wieder verschwunden. Doch wird dem Österreicher Johann Ernst ein Brief hinterher eilen. "Wir werden dem Besitzer erneut eine Frist setzen. Er muss die in den Gebäuden gelagerten Lebensmittel entfernen und eine sogenannte Schadnager-Bekämpfung durchführen", erklärt Oscherslebens Ordnungsamtsleiter Gerd Ludwig. Gemeinsam mit seinen Kollegen Marita Thiemann und Renè Schönecker war er nach Beckendorf gekommen. Bevor dieser Termin zustande kam, waren bereits Monate ins Land gegangen.

Schon der Vorbesitzer hatte in den Gebäuden alte Möbel, die er eigentlich restaurieren wollte, gelagert. Hinzu kamen Lebensmittel in Größenordnungen, die aus insolventen Ramschläden nach Beckendorf gebracht wurden.

"Gemeinsam mit den Kollegen vom Gesundheitsamt des Landkreises konnten wir schon einmal durchsetzen, dass beräumt wird. Damals wurden drei Container gefüllt. Nach drei Monaten sollte kontrolliert werden, ob tatsächlich vor allem die Lebensmittel raus sind", erklärt Gerd Ludwig weiter. Und diese Kontrolle fand nun am Montag statt. Dabei musste festgestellt werden, dass im hinteren Gebäudeteil noch immer Lebensmittel lagern.

Dass in den Gebäuden des Grundstückes viel Unrat, verdorbene Lebensmittel und Gerümpel lagern, sei nur die eine Seite der Medaille. "Da das Areal nicht ganz verschlossen ist, wird es auch von außen `befüllt`. Bürger bringen also auch ihren Schutt, ihr Bauholz und ihren Müll hierher. Das erschwert die Arbeit zusätzlich", erklärt Gerd Ludwig.

Auch die Lage am nahegelegenen Bach, dem Osterbeek, mache die Sache nicht einfacher. Die Nackenhaare stellen sich hoch, wenn Anwohner wie Beate und Christa Guhl, Birgit Bock, Ralf Müller sowie Anette Dehmel berichten, wie abends bis zu 50 Ratten aus den Löchern schlüpfen und aus dem Wasserlauf trinken. Lange suchen müssen sie nicht, um die vielen Löcher im Mauerwerk und der Uferböschung des Baches zu zeigen, aus denen die Ratten schlüpfen. "Die Viecher sind riesengroß", sagen Ralf Müller und Beate Guhl. Die Anwohner haben es gründlich statt. Unmengen hätten sie bereits in Rattengift und Fallen investiert - ohne Erfolg.

Geht es nach den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, soll damit endlich Schluss sein. "Wir hoffen, dass der Besitzer die neu gesetzten Fristen einhält. Ansonsten müssen wir aktiv werden", erklärt der Ordnungsamtsleiter. Dann drohe eine sogenannte Ersatzvornahme. "Das heißt, dass wir dann beräumen lassen würden und dem Besitzer die Kosten in Rechnung stellen", erklärt Ludwig weiter. Doch bevor das passiert, müsse dem Besitzer dieses Vorhaben erst angedroht und abermals eine Frist gesetzt werden. "Ich kann den Frust der Anwohner nachvollziehen", betont der Amtschef. Doch ihm seien ein Stück weit die Hände gebunden und er müsse sich an die Spielregeln halten.

Der Unterhaltungsverbandes "Großer Graben", der auch für den Osterbeek zuständig ist, sieht seinerseits keinen Handlungsbedarf. "Dass die Ratten den Bach zum Trinken und Plantschen nutzen, ist in erster Linie nicht unser Problem", erklärt der Geschäftsführer Uwe Neumann gegenüber der Volksstimme. Die Ursache sei hier eindeutig erkennbar, und die liege beim Besitzer des Grundstückes, nur er könne dafür zur Rechenschaft gezogen werden. "Wenn wegen der Löcher die Böschung abgehen würde, dann würden wir dem mit viel Aufwand entgegenwirken müssen. Doch Ratten selbst bekämpfen wir nicht", sagt Neumann.

Der Grundstücksbesitzer war für Nachfragen gestern nicht zu erreichen.

 

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