Der Ostersonnabend vor 635 Jahren - das genaue Datum ist leider nicht genau verbrieft - war für Wanzleben ein besonderer Tag. An diesem Tag erhielt der Ort Stadtrecht, das mit zahlreichen Privilegien, aber auch mit Pflichten, verbunden war. Mit der Umsetzung der Gemeindegebietsreform ist das Stadtrecht Geschichte, was viele bedauern.

Wanzleben. Als Wanzlebens Ortsbürgermeister Sandro Meyer in der "Chronik der Stadt Wanzleben 889 - 2008" von Prof. Gerd Gerdes blätterte, fiel ihm auf, dass der heutige Ortsteil der Stadt Wanzleben - Börde in diesen Tagen Grund zum Feiern hätte. An einem Ostersonnabend vor 635 Jahren erhielt Wanzleben das Stadtrecht. Erzbischof Peter de Bruma war es, der Vertretern des Ortes Wanzleben im Jahr 1376 eine Urkunde zur Stadterhebung übergab.

Der Wanzleber Chronist Prof. Gerd Gerdes hat in seiner Chronik die Privilegien zusammengetragen, die damit verbunden waren. So durften fortan beispielsweise kleinere Delikte, die innerhalb der Stadtmauern begangen wurden, geahndet werden. Das nannte man Weichbildrecht. Eine jährliche Wahl eines Bürgermeisters und von vier Ratsmannen am ersten Sonntag der Fastenzeit war in der Urkunde ebenso die Rede wie die Pflicht, dass zu jeder Neuwahl Rechenschaft über die Einnahmen und Ausgaben abzulegen ist. Die Funktionen der Ratsmannen und der Schöffen waren getrennt. Der Rat hatte ein eigenes Siegel und die Steuern waren zur Erhaltung von öffentlichen Gebäuden und der Stadtmauer einzusetzen. Ebenso war geregelt, dass der Wochenmarkt am Sonnabend stattzufinden hatte und der Jahrmarkt einmal im Jahr. Die Stadt hatte mit der Urkunde das Braurecht erhalten. Zu den Pflichten gehörte es, dass die Stadt und die Kirche den Niedermühlenteich gemeinsam nutzten, dass jährlich drei Fischfuhren an den Hof des Erzbischofs zu liefern waren und dass eine Schule zu errichten war.

"In der heutigen Zeit werden diese Rechte durch die Gemeindeordnung oder durch das Privatrecht geregelt", erklärte Sandro Meyer, der es sehr bedauert, dass das alte Privileg der Stadt Wanzleben im Rahmen der Gemeindegebietsreform zum 1. Januar 2010 erloschen ist.

Erst jüngst hatte das Landesverwaltungsamt mitgeteilt, dass es die Rechtsauffassung der Kreis-Kommunalaufsicht teilt und Wanzleben ebenso wie Seehausen die Bezeichnung Stadt nicht einmal mehr im Namen führen dürfen. Die Rechtsauffassung lautet: "Die Bezeichnung ,Stadt\' im Sinne des Paragraf 13 der Gemeindeordnung ist angesichts ihres höchstpersönlichen Charakters stets an eine konkrete Gemeinde und deren Existenz gebunden. Das subjektive Recht einer Gemeinde, die Bezeichnung ,Stadt\' zu führen, ist demnach bestandsabhängig. Verliert eine Gemeinde durch Auflösung und Neubildung ihre Selbstständigkeit, so geht als zwangsläufige Folge des Untergangs der Gemeinde als Rechtssubjekt auch die Bezeichnung ,Stadt\' mit unter. Somit muss auch die Hauptsatzung der Einheitsgemeinde Stadt Wanzleben - Börde bezüglich der Regelungen zum Stadttitel korrigiert werden".

Damit verliere, so Meyer, die Stadt Wanzleben wie andere Kommunen, die heute Ortschaften sind, ein Stück Identität und Geschichte. "Eine stolze Stadtgeschichte verbindet die Menschen mit ihrem Ort und zeigt auch eine Besonderheit. Mit dem Verlust dieser kleinen, aber feinen Merkmale ist es umso schwieriger, den Menschen Identität und Heimatgefühl zu vermitteln", erklärte der Ortsbürgermeister.

Zumindest die Urkunde, die das Stadtrecht bestätigt, hat aber auch schon harte Zeiten hinter sich. Die erste ver- schwand, wie Prof. Gerdes in seiner Chronik schreibt, als das Rathaus 1550 zerstört wurde. Der Rat beantragte damals eine erneute Bestätigung der Privilegien, die dann 1558 durch Erzbischof Siegesmund zu Magdeburg erfolgte. Die gingen, laut einem Zitat, "in Feuer auf", so dass 1649 die dritte Beurkundung folgte.

Nachdem sich Prof. Gerd Gerdes für den ersten Band seiner Chronik intensiv mit der Verleihung des Stadtrechtes auseinandersetzte, so kündigt er für den dritten Band eine kleine Abhandlung zum Verlust des Stadtrechts an. "Das ist nur eine Angelegenheit der Bürokraten", sagte er. Der dritte Band seiner Chronik, die die zehn neuen Ortschaften der Stadt Wanzleben - Börde zum Thema hat, ist bereits fast fertig. Kurz vor Weihnachten soll das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

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