Exakt auf den heutigen Tag genau vor zehn Jahren wurde die erste Einheitsgemeinde Sachsen-Anhalts im Sülzetal gegründet. Grund genug, Rückschau und Ausblick zu halten. Volksstimme-Mitarbeiterin Yvonne Heyer sprach darüber mit Bürgermeister Erich Wasserthal. Er gehört zu den Mitbegründern.

Volksstimme: Vor zehn Jahren wurde die Gemeinde Sülzetal als erste Einheitsgemeinde Sachsen-Anhalts gegründet. War dieser Schritt damals richtig? Worin sehen Sie als Bürgermeister das Positivste?

Erich Wasserthal: Auf jeden Fall liegt in der Gemeinsamkeit eine große Stärke. Unsere Vorstellungen waren, als große Kommune alles gemeinsam zu händeln, eine schlanke Verwaltung zu haben, die eine notwendige Bürokratie unkompliziert, schnell und bürgernah abwickeln kann. Die grenzübergreifende, gemeinsame Interessenvertretung kann hervorragend funktionieren, wenn alle Glieder bis zum basisdemokratischen Ortschaftsrat und von dort weiter bis zum letzten Einwohner eine umfassende und ehrliche Informationspolitik betrieben wird.

Volksstimme: Währe die Umsetzung der Dorferneuerung und anderer Vorhaben in den Ortsteilen ohne Einheitsgemeinde möglich gewesen?

Erich Wasserthal: Sicher wäre dies oder jenes Vorhaben der Dorferneuerung im Rahmen der vorhandenen Eigenmittel der einzelnen Orte möglich gewesen. Durch Umverteilung von Einnahmen aus den großen Industriegebieten konnten wir einen großen Teil, auch von freiwilligen kulturellen und sozialen Aufgaben, mehr umsetzen, als dies jedes einzelne Dorf je gekonnt hätte.

Volksstimme: Welche Fehler wurden gemacht?

Erich Wasserthal: Vor der Gründung hätten alle finanzpolitischen und haushaltstechnischen Fragen, alle Schulden und alle Einnahmen, alle Kredite mit Laufzeiten und Höhe und alle ausstehenden, sofort notwendigen Pflichtaufgaben der einzelnen Orte auf den Tisch gemusst und mit Lösungen in Eigenregie der Orte versehen, entsprechend eingeordnet werden.

Volksstimme: Wo liegen die Schwächen einer Einheitsgemeinde? Ortsräte bemängeln vor allem die "Entmachtung" und das zu geringe Mitspracherecht?

Erich Wasserthal: Das sehe ich nicht so. Jeder Ortschaftsrat, ja jeder Bürger der Gemeinde hat das Recht, in öffentlichen Gemeinderatssitzungen, Ortschaftsratssitzungen, Beratungen der Ausschüsse des Gemeinderates in nunmehr zwei Bürgerfragestunden offene Fragen zu seinen Anliegen vorzutragen. Das gilt auch für die Ortsbürgermeister, die ihre Verantwortung zunehmend intensiver wahrnehmen und das gilt auch für die Vereine, Gremien der Orte und Ortschaftsräte. Auch können die Bürger in wöchentlichen Sprechstunden beim Ortsbürgermeister, vereinbarten Terminen in den Verwaltungsorganen bis hin zur Bau-, Finanz-, Ordnungsamtsverwaltung oder dem Sozialbereich und dem Bürgermeister ihre Mitsprache realisieren.

Volksstimme: Mit der Erfahrung von heute, was müsste anders, besser gemacht werden?

Erich Wasserthal: Auf jeden Fall sollten die Inhalte und Grundsätze kommunaler Verwaltungsvorgänge neu gewählten Ratsmitgliedern künftig am konkreten Beispiel der Gemeinde Sülzetal einschließlich ihrer Strukturen und Verantwortlichkeiten erläutert und den "Neuen" an die Hand gegeben werden. Auch eine große Aussprache zu den Pflicht-, und freiwilligen Aufgaben der Kommune könnte zum besseren Verständnis mancher unpopulärer Entscheidungen beitragen. Auch künftig gilt, was ausgegeben werden kann, muss erst erarbeitet sein oder in einem überschaubaren Zeitraum und Risiko erarbeitet werden.

Volksstimme: Gerade in den letzten zwei Jahren ist die Gemeinde Sülzetal eher auf der Stelle getreten. Die einstige Gemeinschaft scheint eher auseinander zu treiben, als dass die Gemeinschaft wächst. Wo liegen die Ursachen?

Erich Wasserthal: Eine Ursache sehe ich in meinem langen krankheitsbedingten Ausfall, der aufgrund eines Sturzes in der Ausübung meiner Pflicht als Bürgermeister an einem Feiertag geschah. Mein stellvertretender Bürgermeister hatte so lange Zeit die Last und Bürde zweier sehr schwerer Ämter zu tragen. Desweiteren brodelte in dieser Zeit die Gerüchteküche über angebliche Unregelmäßigkeiten in Finanzgeschäften und im Industriegebiet Osterweddingen, die zu großer öffentlichkeitswirksamer und für meine Gemeinde und mich ruf- schädigender Anklage führte. An den Auswirkungen werden wir noch lange zu leiden haben. Die Einheit und Geschlossenheit, Fairness im Umgang miteinander und die rückhaltlose, ehrliche Auseinandersetzung mit den ablaufenden Prozessen in unserer Gemeinde, bis hin zur Geldverteilung im Haushalt gilt es schnellstmöglich wieder herzustellen.

Immerhin haben wir einen großen Vorteil gegenüber den neu gebildeten Gemeinden. Unsere Erfahrung aus zehn Jahren. Wenn wir alle diese gemeinsam nutzen wollen, ist mir um eine gute Entwicklung der Gemeinde nicht bange!