Burg. Die wärmemde Frühlingssonne scheint auf die Menschengruppe, die sich am frühen Vormittag an der Bushaltestelle vor dem Burger Rolandgymnasium einfindet. Zögerlich fährt ein Auto mit ABI-Kennzeichen vorbei. Die Insassen – ein Ehepaar schaut auf die Gruppe. Sie erkennt im Fahrzeug Karl-Heinz Fritze, den einstigen Englischlehrer und Klassenlehrer der 12 b. Das ABI-Autokennzeichen ist kein Gag zum Tage, denn hier treffen sich Abiturienten des Jahrgangs 1966. Karl-Heinz Fritze lebt schon seit einigen Jahren in Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Nun sind fast alle da, die sich zum Klassentreffen angemeldet hatten. Joachim Jahn stößt wenig später noch dazu.

Die Gruppe scheint es nicht eilig zu haben. Doch das Programm des Tages, das der Gerwischer Günter Schulze maßgeblich organisiert hat, ist eng gefasst. Er bittet seine einstigen Mitschüler ins Schulgebäude. Christel Rust hat den Generalschlüssel in der Hand. Sie war bis vor einigen Jahren selbst Lehrerin der jener Schule, in der sie einst auch Schülerin gewesen war.

Das Gebäude zeigt sich in einem neuen Gewand. Der Hausmeister begrüßt die Truppe und erklärt, dass manches sicher nicht wiederzuerkennen ist, weil mit der Errichtung eines modernen Anbaus in den 90er Jahren auch der Zuschnitt des ehrwürdigen Gebäudes geändert werden musste. Es wurde viel saniert und neu ausgestattet. In allen Klassenräumen seien die Fußböden noch in einem top Zustand gewesen. Nur im Staatsbürgerkunde-Raum hätte die Fußbodenbalken ausgewechselt werden müssen. Sie hätten sich bis zu zehn Zentimeter durchgebogen, berichtet er mit einem verschmitzten Lächeln.

Die einstigen Schüler steigen die alte, neue Holztreppe mit dem verschnörkelten Geländer hinauf in ihre einstigen Klassenräume. In einem wird heute Biologie, in den anderen Musik unterrichtet. Diesen Unterricht in Fachkabinetten hat es damals natürlich noch nicht gegeben.

In der Aula ist Gelegenheit, sich ein wenig auszuruhen und die Gedanken zurück zu richten, an die Streiche von damals zu denken, das eigene Leben zu überfliegen und an jene Mitschüler zu denken, die bereits verstorben sind.

Vor 15 Jahren hatte das erste Klassentreffen der einstigen 12 a und der 12 b stattgefunden.

Die 12 a war die Sprachklasse – 19 Mädchen und 5 Jungs. Die 12 b hatte die Naturwissenschaften als Schwerpunkt – 24 Jungs und 3 Mädchen. Ab der 9. Klasse lernten sie an der Erweiterten Oberschule (EOS) Geschwister Scholl in Burg gemeinsam, feierten zusammen und genossen ihre Jugend und Sorglosigkeit. Warum nur, fragen sich die heute gestandenen Frauen und Männer enttäuscht, hat das Gymnasium den Namen dieses mutig gegen Krieg und Faschismus kämpfenden Geschwisterpaares Hans und Sophie Scholl nicht übernommen?

Nach Abschluss des Abiturs im Jahre 1966 hat es 30 Jahre bis zum ersten Wiedersehen gedauert. Die Adressen zu recherchieren, sei eine schwierige Aufgabe gewsen, berichtet der Gerwischer Günter Schulze. Viele waren weggezogen, wohnen jetzt in Berlin, auf der Insel Usedom oder auf Sylt, in Sachsen oder Bayern.

Damals sei vereinbart worden, sich alle fünf Jahre zu treffe, was 2001 auch gelang, 2006 aber nicht. Nun wird das "Goldene" Abitreffen angestrebt. "Mal sehen, wie viele im Jahre 2016 noch kommen werden", fragt sich nachdenklich Günter Schulze. 27 einstige Schüler waren es jetzt gewesen.

Die Truppe verlässt die Schule und begibt sich zur Clausewitz-Gedenkstätte, um dann in der Alten Gerberei mehr über die Historie Burgs und des Gerberhandwerkes zu erfahren. Karl-Heinz Fritze will hier ein paar Worte an seine ehemaligen Schüler richten. "Aber in Englisch", wird zum Spaß eingeworfen, was dem Lehrer Anlass ist, dem Wunsch zu folgen. Jubel und Anerkennung sind ihm gewiss.

Das Treffen wird später in einer Gaststätte fortgesetzt. Die Organisatoren haben hier kleine Überraschungen vorbereitet. Jeder Teilnehmer erhält ein Erinnerungsstück aus der Derenburger Glasmanufaktur.

Christel Rust hat die Klassenbücher von einst mitgebracht. Da gibt es kein Halten, die alten Einträge werden gelesen und vorgelesen: Öffentliche Ermahnung zum Fahnenappell wegen Alkoholkonsums vor dem Unterricht.

Die meiste Freude (und auch machen Schreck) bereitete die Übergabe der Abiturarbeiten von vor 45 Jahren. Jeder konnte seine mit dem Schulstempel versehenen karierten A-4-Blätter in die Hände und mit nach Hause nehmen. Die Schulleitung hatte die Einwilligung gegeben. Nicht selten war zu hören: "Das darf ich aber nicht meinen Enkeln zeigen..."