Das erste Konzert im nun bereits vierten "Harbker Orgelsommer" stand am Sonntag unter dem Motto "Gefährdeter und gefundener Wohlklang". Dazu hatte der Schweizer Organist Andreas Marti ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt.

Harbke. Bislang, so erklärte der Schweizer Gast, habe er das Harbker Kircheninstrument nur aus der Beschreibung gekannt. Diese genügte jedoch, seine Auswahl von Musikstücken auf die restaurierte Fritzsche-Treutmann-Orgel abzustimmen und dem Publikum, das wieder zahlreich erschienen war, somit einen weiteren Ohrenschmaus zu präsentieren.

Nach der Toccata in d-Moll von Johann Jakob Froberger begrüßte "Hausherr" Peter Mücksch die Konzertbesucher: "Ich freue mich, dass so viele Musikfreunde den Weg hierher gefunden haben", sagte der Pfarrer. Zu den Musikliebhabern gehörte an diesem Sonntag nicht nur die Harbker Orgel-Fan-Gemeinde, sondern auch der Seniorenchor der Braunschweiger Martinikirche. So war Sankt Levin fast bis auf den letzten Platz gefüllt.

"Ich habe hier, wie auch zu Hause, keine automatische Registrierhilfe. Bitte haben Sie etwas Geduld, wenn es zwischen den einzelnen Stücken einen kleinen Moment dauert", ließ der 62-jährige Marti einleitend wissen. Und weiter: "Ich möchte mit den Musikstücken heute die besondere Stimmung des Instrumentes hier zum Ausdruck bringen."

Musikalischer Sprung in die Gegenwart

Mit "Euphonia"-Wohlklang von Gregorio Strozzi, einem Geistlichen und Musiker aus Neapel, setzte Marti das Konzert fort. Der Komponist des 17. Jahrhunderts hatte zum Ende seines Lebens einige Musikstücke gesammelt und den Engeln als "Anmeldung" für sein baldiges Mitsingen in den himmlischen Chören gewidmet. Nach der "Fantasia chromatica" wagte Andreas Marti einen musikalischen Sprung in die Gegenwart. Das Stück "Im Anfang war das Wort – Meditation zum Johannes-Prolog" von der Komponistin Ilse Gerényi wurde 2001 zum Jubiläum des Bernischen Organistenverbandes geschaffen. Die Komponistin verzichtet dabei völlig auf eine Melodie oder Thematik und setzt auf die Entfaltung von Klängen. So entstand ein Werk, das so manchen Musikliebhaber überraschte.

Bei folgenden Musikstücken von Samuel Scheidt, Georg Böhm und Johann Kuhnau waren dann aber Melodie und Thematik wieder vorhanden. Dabei zeigte der Schweizer Orgelvirtuose eindrucksvoll die Klangvielfalt der Fritzsche-Treutmann-Orgel.

Wer behauptet, auf der Harbker Orgel könne man aufgrund ihres Alters und der Anlage nicht Bach spielen, wurde von Professor Marti eines Besseren belehrt. Eigens hatte er zwei Bach-Stücke für das Konzert am Sonntag ausgewählt.

Dank seiner Einführung und eines liebevoll gestalteten und sehr ausführlichen Programmblattes hatten alle Konzertbesucher die Möglichkeit, der Musik zu folgen und erhielten darüber hinaus noch wertvolle Informationen zu den einzelnen Stücken und den bedeutenden Komponisten.

Nerv des Publikums wurde getroffen

Der Applaus am Ende dieses außergewöhnlichen Konzerterlebnisses war der deutliche Beweis, dass der Schweizer mit seiner Musikauswahl den Nerv des Publikums getroffen hatte. "Sie haben die Möglichkeiten der Orgel ausgeschöpft und sich getraut, auch etwas Modernes zu spielen. Was sich dabei manchmal reibt, wurde im Klang harmonisch aufgelöst. Dafür vielen Dank", so Pfarrer Peter Mücksch, der auch seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass Marti bald mal wieder nach Harbke komme. Als zusätzliches kleines Dankeschön überreichte Mücksch wie immer "einen Strauß aus Pastors Garten". Mit diesen Worten überreiche er dem Virtuosen unter dem Beifall des Publikums ein großes Bündel duftender Pfingstrosen.

Mit ihrem Applaus hatten sich die Musikfreunde eine Zugabe erklatscht, und es erklang ein Walzer aus dem 18. Jahrhundert, der einer Sammlung von Tänzen aus Bern entstammt. Bei diesem Walzer zog Andreas Marti dann sehr zu Freude seines begeisterten Publikums auch das letzte Register, den Zimbelstern der Orgel.

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