Die Zahl der Schulschwänzer nimmt jährlich immer weiter zu. Besonders Berufsbildende Schulen haben mit Jugendlichen zu kämpfen, die sich dem Lernen und dem zukunftsorientierten Denken verweigern. Schulsozialarbeiter können diesem Trend bis zu einem gewissen Grad entgegenwirken. Doch ist die finanzielle Förderung dieser Stellen nicht auf Dauer sichergestellt.

Landkreis Börde. Ein besorgniserregender Trend versetzt Ordnungs- und Schulämter des Landkreises in zunehmende Alarmbereitschaft. So hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig die Schule schwänzen, im Schuljahr 2009/2010 um knapp ein Drittel zugenommen.

Gingen für das Schuljahr 2008/2009 noch 433 Anzeigen über Schulpflichtverletzungen beim Kreisordnungsamt ein, waren es im darauffolgenden Jahr bereits 612 Anzeigen. Alarmierend auch der Trend für das laufende Schuljahr: Hier zeichnet sich bereits nach vier Monaten ab, dass die Zahl der Schulverweigerer die des vergangenen Schuljahres übertreffen wird, so Carola Ohlhoff, Sachbearbeiterin der Bußgeldstelle für Ordnungswidrigkeiten.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. "Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist. Wir vermuten, dass viele Schulen es auch oft nicht zur Anzeige kommen lassen", sagt Amtsleiter Werner Hoffmann.

"Mitten in einem Teufelskreis aus Langeweile und Gleichgültigkeit"

Während Gymnasiasten und Grundschüler sich kaum in den Statistiken finden lassen, fallen besonders Schüler der Berufsbildenden Schulen, die sich im so genannten Berufsvorbereitungsjahr befinden, immer wieder negativ auf. "Die Schulen sind personell mit der Situation zunehmend überfordert, und die Möglichkeiten sind beschränkt", sagt Heinrich Schulze, Amtsleiter des Schul- und Kulturamtes des Landkreises Börde. "Viele der Jugendlichen befinden sich mitten in einem Teufelskreis aus Langeweile, Null-Bock-Mentalität und Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst und den anderen. Das können Schulsozialarbeiter nicht immer auffangen, so es denn überhaupt einen an der Schule gibt."

Wolfgang Hanke, Schulleiter der Berufsbildenden Schulen Haldensleben, kennt das Problem an seiner Schule nur zu gut: "Die Schüler, die bei uns das Berufsvorbereitungsjahr oder das Berufsgrundbildungsjahr absolvieren, kommen bereits mit vielen Problemen zu uns. Viele haben keinen Schulabschluss, finden keine Lehrstelle und haben oft wenig emotionalen Rückhalt in ihrem sozialen Umfeld erfahren."

Die zuständige Schulsozialarbeiterin Birka Hübener arbeitet täglich mit diesen Jugendlichen, kennt ihre Geschichten und die daraus entstehenden Verhaltensmuster: "Hinter jeder Zahl, die in der Statistik auftaucht, steckt auch immer ein Schicksal. Viele der jungen Menschen können sich schwer selbst einschätzen, wissen nicht um ihre Stärken und Talente und haben sich auch in gewisser Weise in einer Opferrolle eingerichtet."

Es sei die Fluchtreaktion eines Jugendlichen, der mit den einfachsten sozialen Herausforderungen nicht zurechtkomme. "Es mangelt an Umgangsformen, Selbstreflektion, schlichtweg an Sozialkompetenzen", ergänzt Hanke

Doch das Berufsvorbereitungsjahr dauert nur 12 Monate. So ist es kaum möglich, alle Mängel, die sich im Laufe vieler Jahre in den Köpfen der Jugendlichen festgesetzt haben, in dieser kurzen Zeit zu beheben. Dennoch, mit dem Einsatz der Schulsozialarbeiterin und mit vielen unterrichtsbegleitenden Projekten wie beispielsweise dem "Profil-Pass", dem Gewaltpräventionstraining und dem Einüben wichtiger sozialer Kompetenzen kommt es immer wieder zu kleinen Erfolgen, von denen die Statistiken wenig erzählen.

Die 17-jährige Vanessa macht ein berufsvorbereitendes Jahr im Bereich Farbe und Holz. Sie ist mit Freude bei der Sache – und doch es gab eine Zeit, da hat sie die Schule kaum betreten: "Ich hatte Probleme mit den Lehrern. In meiner ehemaligen Klasse herrschte ein schlechtes Klima durch Mobbing. Ich habe absolut keinen Sinn mehr darin gesehen, in die Schule zu gehen. Es gab niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte." Es kam zu Bußgeldbescheiden und Verurteilungen zu Arbeitsstunden. Sie beschloss, ihre alte Schule zu verlassen.

Nach ihrem Wechsel an die BBS Haldensleben kam sie auch mit Birka Hübener in Kontakt, zu der sie schnell Vertrauen fasste. Durch Einzelgespräche und mühevolle Kleinarbeit änderte sich allmählich ihre Einstellung. Mittlerweile würde sie nicht mehr auf die Idee kommen, an Schultagen zu Hause zu bleiben: "Ich habe meine Stärken gefunden und kann an mir arbeiten. Zu Hause würde ich mich heute nur noch langweilen."

"Hier sind Ämter, Eltern und die Gesellschaft gefordert"

Alleine hätte Vanessa den Teufelskreis nicht brechen können. Dass die Stelle der Schulsozialarbeiterin nur noch bis Ende 2012 durch den Europäischen Sozialfond (ESF) finanziert wird, versetzt Schulleitung und Lehrer in Sorge. Ob die Förderperiode verlängert wird, weiß niemand. "Selbst das Kultusministerium ist überzeugt davon, dass Schulsozialarbeiter wichtige Arbeit leisten, dennoch wird hier schnell gespart", sorgt sich Schulleiter Hanke.

Nicht nur die Schulleitung, die Lehrer und die Sozialpädagogen wissen, dass dies gravierende Folgen haben könnte.

So sieht auch Schulamtsleiter Werner Schulze dringenden Handlungsbedarf: "Die Schule kann diesen Trend alleine nicht bewältigen. Hier sind Ämter, Eltern und vor allem die Gesellschaft gefordert. Trotzdem braucht jede Schule weiterhin Schulsozialarbeiter, die auf die Jugendlichen zugehen und mit ihnen arbeiten. Sonst muss in naher Zukunft die Gesellschaft teuer dafür bezahlen."

"Wer Mahnbriefe ignoriert, muss mit Jugendarrest rechnen"

Dass Schulschwänzen mittlerweile nicht mehr nur die Jungen betrifft, betont Carola Ohlhoff: "Zwar gibt es immer noch wesentlich mehr männliche Schulschwänzer, aber leider holen die Mädchen hier rasend schnell auf."

Schulschwänzen beginnt übrigens schon ab dem unentschuldigten Fehlen von nur einer Schulstunde. Schnell können 120 Euro Bußgeld fällig werden, die sich auch in Form von gemeinnütziger Arbeit ableisten lassen. Wer die Bußgeldbescheide und Mahnbriefe des Ordnungsamtes allerdings vehement ignoriert, muss mit einer gerichtlichen Vorladung und einem mehrtägigen Jugendarrest rechnen. Das kann sogar so weit kommen, dass Eltern von Schülern, die unter 14 Jahren alt sind, in so genannte Erzwingungshaft genommen werden müssen, so Hoffmann. "Droht der Knast, wachen viele Schüler und Eltern auf und zeigen sich schnell einsichtig. Es kam schon vor, dass Schüler und sogar Eltern in Haft genommen worden sind. Das liegt allerdings im Ermessen des Richters."