Bereits im vergangenen Jahr wurde in Stemmern das Vorhaben, eine Hähnchenmastanlage zu errichten, vorgestellt. Weit mehr als drei Millionen Hähnchen sollen hier pro Jahr gemästet werden. Eine Bürgerinitiative macht dagegen mobil und nutzte den 1. Mai für eine Informationsveranstaltung, um den betroffenen Bürgern zu sagen, was sie hier eigentlich erwartet.

Stemmern Die Stemmeranerin Gabriele Siegel engagiert sich seit Monaten gegen die Hähnchenmastanlage, sogar nach Berlin in den Bundestag ist sie gefahren, um möglichst viele Informationen für die Bürgerinitiative und vor allen Dingen für die Bürger von Stemmern und den umliegenden Dörfern wie Bahrendorfer oder gar Welsleben zu sammeln. Mit Jürgen Hartmann vom Verbund der Öko-Höfe und dem jungen Bahrendorfer Philipp Melcher sowie Dr. Matthias Ueltzen hat sie wackere Mitstreiter gefunden.

Für sie alle war die Informationsveranstaltung am 1. Mai, die nach dem Aufstellen des Maibaumes in Stemmern stattfand, eine Premiere. Und gespannt warteten die Organisatoren darauf, wie der "Tag des Huhnes", wie die Organisatoren ihre Veranstaltung nannten, wohl ankommen würde. "Für uns war diese Geburtsstunde der Öffentlichkeitsarbeit unserer Bürgerinitiative eine durchaus gelungene Veranstaltung. Auch die Leute, die eigentlich zum Feiern unterm Maibaum erschienen waren, bedachten uns mit ihrer Unterschrift auf den Unterschriftslisten", berichtet Gabriele Siegel.

Gekommen waren Stemmeraner als auch Gäste aus Bahrendorf, Altenweddingen sowie aus Welsleben Tierarzt Hormann. Auch aktive Grüne wie Jürgen Hartmann von den Ökohöfen und Jens Kiebjieß, Landschaftsarchitekt aus Osterwieck, waren gekommen. So konnten Fragen zum Thema unmittelbar und fachlich fundiert beantwortet werden.

Fragen gab es zum Beispiel zur Verabreichungspraxis von Antibiotika in der Massentierhaltung, rechtliche Grundlagen im Genehmigungsverfahren solcher Anlagen und Möglichkeiten der Gegenwehr. "Redebeiträge kamen u.a. von meinem Vater Joachim Siegel, der mit fast 88 Jahren schon einiges an Investruinen erleben mußte und dies durchaus auch für diese Anlage befürchtet. Eine unmittelbare Anwohnerin, die beruflich aus der Immobilienbranche kommt, hatte die pfiffige Idee, dem Investor Gerritt Tonkens schon vorab die Summen des zu erwarteten Wertverlustes für unsere Immobilien in Rechnung zu stellen", so Gabriele Siegel weiter. Ein Vertreter der ehemaligen Altenweddinger Bürgerinitiative gab seine Erfahrungen weiter. Wobei die in Altenweddingen errichtete Anlage viel, viel kleiner ist und auch in Wohngebietsnähe nicht verhindert werden konnte. Hierbei wurde allerdings aufgezeigt, dass es durchaus Unterschiede gibt zwischen bäuerlicher Haltung von 15 000 Tierplätzen wie in Altenweddingen geschaffen im Gegensatz zu der geplanten industrieartigen Massentierhaltungsanlage von 350 000 Tieren pro Monat, wie sie in Stemmern geplant ist. Im Grunde genommen müssen solche mittelständischen Anlagen mit all ihren Belastungen für die unmittelbaren Anwohner noch als begrüßenswerte Alternativen zu der Haltungspraxis und Schädigungswirkung der geplanten Mega-Anlage gesehen werden.

"Gerritt Tonkens Planung hat von vornherein eine ganz andere Hausnummer, die nicht mehr nur als Belästigung sondern als Gefährdung für Mensch und Tier, Gesundheit und Umwelt eingestuft werden muss. Ausführlich wurde daher das Thema Immissionen angesprochen. Diese Immissionen entstehen nicht nur durch die Anlage selbst, sondern auch durch das geplante breite Ausbringen des Hühnerkotes als Dünger bis weit über Stemmerns Ortsgrenzen hinaus. Der Welsleber Tierarzt Hormann verglich diese Immissionen sehr bildhaft mit den Flugausfällen durch den Vulkanstaub. Die Isländer selbst hätten davon die geringsten Beinträchtigungen. Entsprechend verhält es sich mit den Endotoxinen.

Die Endotoxine werden weit in die Umgebug hinaus getragen"

Die Mastanlagen sind im Grunde Ausgangspunkt und somit eher Brutstätte für gefährliche Krankheitskeime. Diese gelangen sowohl direkt aus den geplanten sieben Stallungen von jeweils 100 mal 25 Metern Größe als auch auf die laut Tischvorlage ermittelten 208 Hektar Ackerflächen, auf denen der Hühnerkot ausgebracht wird. Hinzu kommen die außen unabgedeckt lagernden Kotmengen auf einer Fläche von weiteren 600 Quadratmetern. Die Endotoxine werden weit in die Umgebung hinausgetragen und bewegen sich wegen des Regenschattens besonders lange in der Luft. Dabei gelangen die kleinsten Partikel, die als Bruchteile dieser Bakterien zu verstehen sind, als vom Körper nicht filterbare Partikel durch die Atemwege sogar durch die Lungenbläschen bis tief in den menschlichen Körper hinein mit verheerenden Folgen. Schon allein deshalb sind die vorgesehenen Mindestabstände der Stallanlagen zum Ort völlig unzureichend.

Die Begehung des geplanten Standortes nach der Informationsveranstaltung am 1. Mai machte noch einmal sehr deutlich, wie nahe die geplante Anlage am Dorfe liegen würde.

In Vorbereitung des Aktionstages am 1. Mai hatte Philipp Melcher kurze Filme zum Thema herausgesucht. Diese wurden vorgeführt und zeigten einmal mehr die fragwürdige Tierhaltungspraxis in den riesigen Anlagen. "In einem weiteren Film mit ebenso betroffenen Bürgern in Niedersachsen wurde deutlich, dass die Problematik überall dieselbe ist und es gilt, gegen die empfundenen Ohnmacht gegen massive Profitinteressen auf Kosten aller etwas zu unternehmen", macht Gabriele Siegel deutlich.

"Nur ein informierte Bürger kann auch aktiv werden"

Ziel der Informationsveranstaltung war es auch, die Bürger auf die Möglichkeit der Einwendungen, die zum jetztinge Zeitpunkt der Planungsphase sehr wichtig sind, aufmerksam zu machen. Die Praxis der Einwendung wurde erläutert und auf die Internetseite der Bürgerinitiative www.kontramast.de.tl verwiesen. Erste Unterschriftenlisten sind im Umlauf. "Über die Einwendungen müssen wir unsere Chance noch nutzen, eine Anlage dieser Größenordnung im Interesse aller Bürger zu verhindern", betont Gabriele Siegel. Sie gibt den Bürgern noch einige Fragen zum Übedenken mit auf den Weg: Sicher, der Bedarf an Hähnchenfleisch wächst weiter, Etwa 400 Gramm pro Kopf werden mehr gebraucht. Doch um diesen Bedarf zu decken würden 80 neue Hähnchenmastanlagen ausreichen, geplant sind derzeit 900. Ein weiterer Fakt zum Nachdenken: Die hohe Qualität des Bördebodens wächst nicht nach. Warum soll gerade das Kerngebiet der Magdeburger Börde als Mülleimer riesiger Hähnchenmastanlagen benutzt werden?

"Insbesondere der persönlich sehr herzliche Dank eines Stemmeraners unmittelbar im Anschluss an die Informationsveranstaltung hat mir gezeigt, dass diese Informationsstunde wichtig war und dass wir noch mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten müssen. Denn nur ein informierter Bürger kann auch aktiv werden."

www.kontramast.de.tl