Vor 30 Jahren zog es Rudolf Lübke mit Sack und Pack nach Oschersleben. Hinter ihm lagen 34 Berufsjahre als Mathe- und Physiklehrer in Sommersdorf. Bis 1990 lehrte Lübke auch den Oscherslebern das kleine und große Einmaleins, bevor er sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzog. Heute geht der Rentner einer neuen anspruchsvollen Arbeit nach, die ihn bis in das Jahr 1922 zurückversetzt.

Oschersleben. Seine Augen hinter der Lesebrille glänzen erfreut, wenn Rudolf Lübke über seine Arbeit erzählt. Nicht etwa über die 44 Jahre als Mathe- und Physiklehrer in Sommersdorf und Oschersleben. Es ist sein neues Betätigungsfeld, das den Rentner derzeit fest in den Bann zieht.

"Rudolf ist unser Chronist", erklärt Vorsitzender Werner Mormann beim Treffen im Vereinshaus der Kleingartensparte "Storchshöhe". Rudolf Lübke, selbst seit seinem Umzug nach Oschersleben im Jahr 1980 Kleingärtner in der Bodestadt, setzt Puzzleteil für Puzzleteil die wechselvolle Geschichte der "Storchshöhe" zusammen.

Eine spannende Reise, die ihn bis in die Zeit der Weimarer Republik trägt. Damals, vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, fanden sich erstmals einige Oschersleber zusammen, die auf dem Grund der heutigen Kleingartensparte Beete anlegten, pflanzten, wässerten und im Herbst die erste eigene Ernte eintrugen.

"Das war eine spannende Zeit. Das Land war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewirtschaftet. Also taten sich einige Oschersleber zusammen und bekamen von der Stadt den Acker verpachtet", berichtet Rudolf Lübke über die Anfänge an der Storchshöhe. "Aber bevor hier Gemüse und Obst geerntet werden konnte, mussten die Leute zunächst einmal das Land urbar machen. Schließlich gab es dort weder Wasser noch Strom", erzählt Rudolf Lübke weiter über die Gründerjahre des Vereins.

Doch woher stammen eigentlich all die kleinen und großen Puzzleteile, die Rudolf Lübke in mühevoller Kleinarbeit zusammenträgt? "Aus den Erinnerungen der Gartenfreunde", erklärt Vereinsvorstand Werner Mormann. Quasi über den Gartenzaun berichten die Vereinsmitglieder ihrem Chronisten, von wem sie einst den Garten übernommen hatten, wie sich das Gelände bis heute entwickelt hat. "Spannend sind natürlich vor allem die Geschichten der älteren Kleingärtner, die schon in der Zeit vor der Wende hier gärtnerten. Manche Vereinsmitglieder kennen noch die alten Vorsitzenden oder waren beim Bau des Vereinshauses dabei", berichtet Rudolf Lübke über seine Arbeit.

Erste Früchte seiner Arbeit können die Mitglieder bereits im Vereinshaus bestaunen. Etwa die mittlerweile vollständige Liste aller Vereinsvorsitzenden seit 1922. Dabei sind aber auch Fotos, etwa vom Bau des Vereinshauses oder dem dazugehörigen Anbau Ende der siebziger Jahre.

Manchmal aber stößt selbst der fleißige Chronist an seine Grenzen: "Es gibt kaum Dokumente über die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Erst ab 1960 habe ich wieder Dokumente. Zum Beispiel alte Satzungen, Fotos und natürlich Erinnerungen unserer Gartenfreunde."

Die Arbeit an der Chronik ist noch lange nicht abgeschlossen, noch immer gibt es große Wissenslücken im Puzzle von Rudolf Lübke. Wissenslücken, die der Chronist der "Storchshöhe" gern gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern von heute und damals schließen möchte. "Ich freue mich über jeden noch so kleinen Tipp, der die Geschichte weiter voranbringt."

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch etwas zur Geschichte des Vereins beitragen möchten, dann melden Sie sich bitte in der Redaktion der Volksstimme in Oschersleben, Hornhäuser Straße 6. Oder schreiben uns eine E-Mail an: redaktion.oschersleben@volksstimme.de