Autorin Grit Poppe war vor wenigen Tagen auf Einladung des Grenzdenkmalvereins Hötensleben in der örtlichen Grundschule zu Gast und las aus ihrem Roman "Weggesperrt". Über Buch und Inhalt wurde angeregt diskutiert – erste Ansprechpartnerin dafür: Zeitzeugin Kerstin Kuzia, die auf einem DDR-Jugendwerkhof "weggesperrt" war.

Hötensleben. Einen bewegenden Nachmittag erlebten die Gäste, die zu dieser nachdenklich stimmenden Veranstaltung im Anschluss an die Jahreshauptversammlung des Grenzdenkmalvereins gekommen waren. Bestürzung und Entsetzen über das Gehörte lösten teils eine bedrückende Stille aus. Grit Poppe wirft in ihrem Roman einen tiefen Blick auf ein dunkles Kapitel der DDR, beschreibt, wozu eine Diktatur in der Lage war, um Menschen gefügig zu machen, in dem Fall sogar Kinder.

Wenn allein das Aufrufen des eigenen Namens in Angst und Schrecken versetzte, dann war man angekommen, im Jugendwerkhof Torgau.

Wer nicht in das Bild einer entwickelten sozialistischen Persönlichkeit passte, hatte es nicht leicht. Junge Menschen wurden dann eben auch umerzogen. Es war möglich, Jugendliche ohne jedes Gerichtsurteil in einen Jugendwerkhof zu sperren.

In ihrem Buch schildert Grit Poppe auf dramatische Weise, was diese Jugendlichen zu erwarten hatten. Eine sogenannte sozialistische Umerziehung unter humanistischen Gesichtspunkten sollte stattfinden. Doch die Realität war eine andere: Sprechverbot, Einzelarrest, Gruppenstrafen, Kontaktsperren, Akkordarbeit und militärischer Drill waren die Mittel, um die jungen Seelen zu brechen. Dazu kam die Willkür der Erzieher. Kurzum: Menschen wurden mit System völlig entwürdigt.

Die Weggesperrten stellten sich zurecht die Frage: Warum, weshalb und was habe ich getan? Eine vollständige Unterwerfung ließ sie irgendwann verstummen. So auch Anja, die Grit Poppe im Roman auf ihrem Leidensweg begleitet. 14-jährig kommt sie in den Jugendwerkhof, nachdem ihre Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Ein Augenblick, in dem sie nach Seelenqualen durch die Erzieher völlig die Kontrolle über sich verliert und ausrastet, bringt ihr Torgau ein.

Dort hält sie ein Gedichtband von Rilke geistig am Leben – bis er ihr abgenommen wird mit der Bemerkung, dass dies faschistische Schundliteratur sei.

Anja gelingt 1989 auf dramatische Weise die Flucht aus Torgau. Sie taucht in der alternativen Szene von Leipzig unter – und kommt nicht klar mit der Offenheit, mit der sich hier unterhalten wird, denn sie kommt als gebrochener Mensch aus Torgau. Dort hat sie sich durch den Drill Widerworte oder gar Kritik abgewöhnt – ganz nach dem DDR-Idealbild einer sozialistischen Persönlichkeit.

Erniedrigung und Folter mit System

Die Fragen der folgenden Diskussion wurden in erster Linie von Kerstin Kuzia beantwortet. Sie wies darauf hin, dass dieser Roman sehr realitätsnah sei: "Selbst wissenschaftliche Publikationen, sind nicht so authentisch." Kerstin Kuzia erzählte von ihrem Leben – oder besser Dasein – in Torgau, von den heute noch anhaltenden posttraumatischen psychischen und physischen Problemen. Viele der Insassen verdrängen heute aus Angst und aus Scham das Geschehene, doch wenn es aufbricht, könne nur mit intensiver ärztlicher Unterstützung geholfen werden. Sie erzählte von den Bestrafungen und der Willkür der Erzieher, von Schockarrest, von totalem Sprechverbot, von Drillmaßnahmen und Strafsport, von schamlosen Desinfektionsprozeduren, von der entwürdigenden Unterbringung.

Das Schlimmste aber sei es gewesen, wenn der eigene Name aufgerufen wurde, denn das geschah nur dann, wenn Bestrafungen verhängt wurden; sonst war man nicht mehr als eine Nummer. Bestraft wurden die Kinder auch dafür, dass sie den Belastungen nicht standhielten und zusammenbrachen. Das perfide System der Oberen funktionierte perfekt, so perfekt, dass auch Bestrafungen untereinander vorgenommen wurden, als Racheakt gegenüber dem "Sünder" für Gruppenstrafen. Folter und Erniedrigung mit Metallfedern aus den Matratzen oder indem der Kopf des Opfers in einen Eimer voller Fäkalien getaucht wurde. Die Aufseher schauten weg, die Gruppe quälte und prügelte.

Kerstin Kuzia hat all das erlebt. Sie berichtete auch von den Suiziden und Suizidversuchen, die nicht ausblieben. "Ständig war der Gedanke da, sich das Leben zu nehmen. Selbstverstümmelungen oder selbst inszenierte Verletzungen mit dem Ziel, ins Krankenhaus zu kommen, nur raus aus dieser Hölle, waren gang und gäbe."

Bei all dem Greuel fiel es den Zuhörern schwer, das Gehörte zu verarbeiten. Es war eine sehr bewegende Veranstaltung, die keiner der Anwesenden vergessen wird. Doch darum geht es Frauen wie Grit Poppe und Kerstin Kuzia auch: ein breites Publikum zu erreichen, damit das Vergessen nicht eintreten kann.

Am 7. November 1989 noch versuchte die DDR-Regierung, innerhalb von drei Tagen die baulichen Beweise zu vernichten. Es gelang ihr nicht komplett, aber doch teilweise. Darum erzählen Menschen wie Kerstin Kuzia ihre Geschichte. Darum beteiligt sie sich mit eigenen Erfahrungen an der Opferhilfe und mit Zeitzeugengesprächen an der Aufklärung gegen eine Verklärung.