Harbke / Helmstedt. Seit dem Fall der Mauer vor 20 Jahren zogen unzählige Ostdeutsche wegen des Jobs und des höheren Lebensniveaus in die alten Bundesländer. Die Volksstimme besuchte eine Familie in Harbke, die in die entgegengesetzte Richtung ging. Was waren die Beweggründe, und wie denkt sie heute darüber ?

Adrian Kozlowski, ein gebürtiger Niedersachse, zog die Liebe in den Osten. Als wir uns treffen, sitzt er auf dem Sofa aus hellem Leder in seinem Haus in der Nähe des ehemaligen Harbker Braunkohletagebaus. Es ist gemütlich. Adrian sieht glücklich aus. Genauso wie neben ihm sein sechsjähriger Sohn Luca und die blonde Katrin, seine Frau. Sie haben sich mit dem Haus in der Lustgartenbreite, von dessen Terrasse aus man zum nahen Harbker Wald sehen kann, einen Traum erfüllt. In Sachsen-Anhalt. Einen Steinwurf entfernt verlief früher die Grenze.

Als Adrian Kozlowski sechs Jahre alt war, hatte er einmal bewusst die innerdeutsche Grenze wahrgenommen. Mit dem Nachbarn war der Schöninger Junge auf dem Fahrrad dorthin geradelt. Gemeinsam winkten sie damals in Richtung Hötensleben. " Ansonsten habe ich an diese Teilung durch Stacheldraht und Mauer früher keinen Gedanken mehr verschwendet ", gesteht der 32-Jährige ein. Und im Prinzip ist das heute noch so.

Die Familie Kozlowski ist eine Ost-West-Familie. Katrin ( 29 ) stammt aus Harbke und wollte hier auch gerne leben. Sie ist über Umwege zurück ins Dorf gekommen. Mit Eltern und Bruder war sie nach der Wiedervereinigung nach Königlutter gezogen, weil Vater und Mutter dort Arbeit fanden. Nachdem sie Adrian kennengelernt und 2003 der kleine Luca geboren worden war, wollten sie eigentlich in Königslutter oder Helmstedt heimisch werden. " Gründliche Überlegungen über die Zukunft der Familie führten uns aber schließlich hierher nach Harbke. Und das hatte gute Gründe ", erzählt Adrian Kozlowski. " Zunächst wollten wir in Königslutter bauen, aber da hätte ein viel kleineres Baugrundstück das Doppelte von diesem in Harbke gekostet. " Seine Frau erklärt weiter : " Entscheidend war auch vor allem die Kinderbetreuung, die wir in Niedersachsen so wie hier nicht hätten nutzen können. " In der Kindertagesstätte " Harbker Strolche " befindet sich Sohn Luca bis 17 Uhr in guter Obhut. Dadurch können der Kfz-Mechaniker, der eine Arbeit in Haldensleben hat, und die Krankenschwester, die in einer medizinischen Einrichtung in Königslutter im Schichtdienst steht, ihrem Job nachgehen. " In Königslutter hätte einer von uns seinen Beruf aufgeben müssen ", so Katrin Kozlowski. Und so fahren täglich der " Wessi " nach Osten und die Ostfrau nach Westen, ohne dass sie sich dabei Gedanken über die Himmelsrichtungen machen. Und überhaupt spielt diese Ossi-Wessi-Diskussion weder bei ihnen noch in ihrem Bekanntenkreis eine Rolle. " Das einzige Klischee, welches ich in dieser Richtung einmal kannte, lautete : ‚ Die Ossis haben immer gepflegte Autos ‘", schmunzelt der Kfz .-Mechaniker, " aber irgendwann war dieses Klischee dann weg. "

Katrin und Adrian Kozlowski sind jedenfalls froh, dass sie sich so entschieden haben. Und wenn Katrins Eltern, die heute noch in Königslutter leben, in den Rentenstand gehen, dann wollen sie auch wieder in ihr Heimatdorf Harbke zurückkehren. Nicht zuletzt des Enkels wegen.