In diesen Tagen werden die Ereignisse des Herbstes 1989 wieder lebendiger, erinnern sich die Menschen an die Wende vor 20 Jahren. Vielfältige Veranstaltungen wird es in diesem Zusammenhang geben. So hatte der evangelische Kirchenkreis Egeln in Zusammenarbeit mit dem Kirchspiel " Im Sülzetal " zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

Langenweddingen " Wir waren unter ihnen " – Montagsgebete in Magdeburg und die Auswirkungen auf das Umland " – so lautete das Thema der Podiumsdiskussion in der Langenweddinger Kirche. Auf dem Podium, welches eigens für diesen Abend in der Kirche errichtet worden war, hatten Minister Dr. Karl-Heinz Daehre, Peter Oleikiewitz, Peter Telschow, Superintendent Michael Wegener, das Langenweddinger Ehepaar Ingrid und Emil Mosch sowie Pfarrer Raimund Müller-Busse Platz genommen.

In der Kirche selbst waren an diesem Abend nur wenige Plätze, vielleicht 40, besetzt. Fühlten sich die Menschen im Sülzetal nicht angesprochen, nicht eingeladen ? Ist der Umbruch, die Wende, die friedliche Revolution oder wie auch immer man die Ereignisse dieses Herbstes 1989 bezeichnen möchte, es nicht mehr wert, darüber zu diskutieren, es in die Erinnerungen zu rufen ?

" Alle reden davon, was damals stattgefunden hat. Geschichte, auch die Geschichte der Wende, zeigt sich in den Lebensgeschichten einzelner. Deshalb wollen wir in die Zeit eintauchen, einen Rückblick wagen, 20 Jahre danach. 20 Jahre sind eine gute Zeit, in der man einen gewissen Abstand hat, aber doch noch nahe genug, um sich an Details zu erinnern ", meinte Pfarrer Müller Busse zur Einleitung. Die Männer und die eine Frau der Podiumsrunde jedenfalls erinnerten sich, jeder auf seine Weise, wie sie mit gemischten Gefühlen, ja auch mit Angst, zu den Montagsdemos, zu den Montagsgebeten in den Magdeburger Dom oder in die Wanzleber Kirche gegangen sind.

Peter Oleikiewitz als parteiloser Geologe im Rat des Bezirkes, Peter Telschow als Pfarrer in Wanzleben, Ingrid Mosch als Laborantin bei der Arbeiterhygieneinspektion,

Emil Mosch im Wohnungsbaukombinat, Dr. Karl-Heinz Daehre bei Lacke und Farben in Magdeburg, Michael Wegener als Pfarrer einem kleinen Ort im Sperrgebiet – sie alle haben an ihren Arbeitsplätzen gespürt, dass es so nicht weitergehen kann und darf. " Wie stand es wirklich um den Staat ? Ein Bauarbeiter wusste es. Der Mangel auf dem Bau, überhaupt die gesamte Wirtschaftsweise, vieles musste sich ändern und wir wollten etwas verändern ", so Emil Mosch zu seinen Beweggründen, warum er und auch seine Frau zu den Montagsdemos gingen.

Für Dr. Karl-Heinz Daehre war der 9. Oktober 1989 der bedeutendste Tag. An diesem Tag demonstrierten mehrere tausend Menschen in Magdeburg, die Stadt stand voller Kampfgruppen. " Doch es ging alles friedlich ab. Andererseits blieb da auch ein Monat Angst. Wobei wir damals noch nicht wussten, dass am 9. November die Grenzen aufgehen. "

War es nun eine Wende, eine friedliche Revolution, ein Zusammenbruch, hat sich die DDR aufgelöst ? Eindeutig konnte diese Frage am Ende nicht beantwortet werden und man kann die Ereignisse, die 1989 ihren Lauf nahmen, wohl nicht auf einen Begriff reduzieren.

Heute wissen wir alle und das brachten die Leute auf dem Podium zum Ausdruck : Vorbereitet war auf diese Situation niemand. " Viele Gespräche hat es damals gegeben. Wir waren uns einig, wir nehmen das Neue an, wir bleiben hier. Fakt war aber auch : Niemand wusste mit der Gesamtsituation etwas anzufangen ", meint Emil Mosch.

Peter Telschow war auch Mit-Initiator des Runden Tisches in Wanzleben. " Demokratie mussten wir erst lernen. Wer konnte schon Demokratie ? Ich jedenfalls nicht. Ich wusste nur, was ich nicht mehr wollte, nicht was ich wollte. So ging es vielen und daraus mussten wir einen Weg fi nden ", erinnert sich der ehemalige Pfarrer. Anfangs habe der Runde Tisch Spaß gemacht, mit den Parteien wurde es schwieriger und daran ist schließlich der Runde Tisch zugrundegegangen. Und doch waren die Runden Tische in der Zeit der " Machtlosigkeit " zwischen Dezember 1989 und März 1990 wichtig für die Überbrückung. " Das ist beispiellos in der Geschichte ", so Peter Oleikiewitz.

Raimund Müller-Busse erlebte als Saarländer die DDR bei Verwandten. Bei seinen Besuchen stellte er oft fest, dass die Menschen mit Stolz von ihrem Land sprachen. " Wo waren diese Menschen in der Wendezeit ?", so seine Frage. " In Wartestellung ", ist sich Dr. Karl-Heinz Daehre sicher. " Es gibt Viele, die sagen, es war alles nicht so schlimm. Wir haben nicht gehungert, nicht gefroren. Aber wäre es dabei geblieben ?"

Welche Erwartung und Hoffnungen haben sich erfüllt ? " Eigentlich bin ich ganz zufrieden ", meinte Peter Oleikiewitz. Allerdings sieht er in der Arbeitslosigkeit ein großes Manko und in der Tatsache, dass die Politikverdrossenheit weiter zunimmt. Peter Telschow lernte seinen Schwager in Australien kennen, konnte an das Grab der Schwiegereltern treten, ehe es eingeebnet wurde. " Ich muss lernen, dass es die " Brauen " und " Roten " gibt. Heute fehlen mir die klaren Fronten, ich weiß oftmals nicht, wo steht mein Gegenüber. "

Ehepaar Mosch geht es gut. " Das System hat auch Macken und Fehler und doch sollten sich die Menschen öfter vor Augen halten, wie gut es ihnen eigentlich in Deutschland geht. " Das meint auch Dr. Karl-Heinz Daehre. Heute seien die Menschen oft " miesepetrig ". " Was 1989 geleistet wurde, können wohl erst Generationen nach uns einschätzen ", so der Minister.

" Ich freue mich, dass sich Deutschland vermischt hat, Ost und West sind eine große Bereicherung für mein eigenes Leben ", meint Superintendent Michael Wegener. Allerdings vermisst er die Durchlässigkeit nach oben, kritisiert das Gerangel der Wirtschaftseliten.