Einigen in Oschersleben ist die Lebensweise der Mitglieder der Alge, alternative Lebensgestaltung, ein Dorn im Auge. Die Alge-Bewohner fürchten nun, dem Trink- und Abwasserverband Börde Oschersleben ( TAV ) Platz machen zu müssen, und das Gelände gezwungenermaßen zu verlassen. Die Bewos Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft und der TAV machen ihren Standpunkt deutlich.

Oschersleben. Die jungen Menschen vom Oschersleber Verein Alge, das ist eine Abkürzung für Alternative Lebensgestaltung, beschreiben ihr Gelände als ein " ungezwungenes Ding, wo jeder kommen kann ". Seit neun Jahren besteht die Anlage in der Magdeburger Straße 35, wo Jugendliche einen Ort der Zuf ucht fnden, einen Ort für sich haben, um nach eigener Aussage " nicht auf der Straße rumzuhängen. " Durchschnittlich 10 bis 20 Leute treffen sich Abend für Abend, um gemeinsam zu kochen, Musik zu machen, Billard zu spielen oder einfach nur zu quatschen. Auch die Konzerte, die regelmäßig auf dem Gelände der Alge stattf nden, sind schon legendär.

Die Finanzierung der Alge erfolgt durch Mieteinkünfte und Mitgliederbeiträge. Derzeit leben sechs junge Menschen auf dem Gelände und der Verein zählt über 60 Mitglieder. Das Grundstück wurde den Begründern des Vereins, darunter Christian Rödiger ( 30 ), der heutige Vorstand der Alge, damals von der Oschersleber Wohnungsgesellschaft Bewos überlassen. Es wurde sich auf Miet- und Instandhaltungskosten geeinigt. " Doch jetzt haben wir Angst, dass wir von hier wegmüssen ", befürchtet Rödiger. Denn Ende Mai dieses Jahres wurde ihnen von der Bewos nahegelegt, Ausschau nach einem anderen Gelände zu halten. Denn der TAV, Nachbar der Alge, sei an dem Grundstück interessiert " Das war ein echter Schock für uns ", sagt Rödiger.

Die Mitglieder der Alge sind sich einig : " Die wollen uns doch nur aus der Innenstadt haben ". Vorbehalte gegen die Alge und ihre Bewohner und Besucher gibt es immer wieder. Anne ( 18 ) und Jaqueline ( 19 ), die beide die Berufsschule in Oschersleben besuchen und bei ihren Eltern wohnen, haben schon selbst diese Erfahrung gemacht. " Manchmal schauen die Leute einen komisch an ", so Jaqueline. " Dabei sind unsere Eltern froh, dass sie uns hier wissen und nicht irgendwo ", berichtet Anne. Doch Gott sei Dank seien es nur wenige Menschen, die Vorbehalte gegenüber den alternativen Lebensgestaltern haben.

Bewos will Alge

nicht vertreiben

Hans Walker, Geschäftsführer der Bewos, erklärt : " Der Bewos gehe es überhaupt nicht darum, die Bewohner der Alge zu vertreiben. Ich möchte mich auch nicht gegen diese Leute aussprechen, das steht mir gar nicht zu. Aber es ist nun mal so, dass sich das Gelände entwickeln soll und der TAV, in dessen Besitz das Gelände früher war, großes Interesse hegt ".

TAV-Chefn Vinny Zielske plant einen zentralen Ort, wo der gesamte gewerbliche Vertrieb des Verbandes untergebracht werden solle. Dazu benötige der TAV das Alge-Gelände. Im Moment befndet sich lediglich die Verwaltung auf dem angrenzenden Grundstück. Technik, Autos und Werkstatt sind an verschiedenen Orten ausgelagert. " Doch solange ein gültiger Mietvertrag besteht, können wir das Gelände nicht käuf ich erwerben ", sagt Vinny Zielske.

Im gegenseitigen Einvernehmen zwischen Bewos und Alge wurde für Ende des Jahres ein Termin für den Verbleib der Alge festgelegt. " Bis dahin ein passendes Gelände zu f nden, ist geradezu utopisch. Außerdem wollen wir hier gar nicht weg ", macht Rödiger klar. Denn alle Mitglieder der Alge sind sich einig : " Die Alge muss erhalten bleiben !"

Für viele junge Leute, die täglich kommen, ist es wie ein zweites Zuhause. Hier können sie sich künstlerisch austoben und ihre Freiheit ausleben, die laut Alge-Mitgliedern " selbst zu gestalten ist und die ein harmonisches Zusammenleben sichert ".

" Uns ist bewusst, dass es nicht leicht ist, ein passendes Gelände zu fnden, mit dem die Mitglieder auch einverstanden sind ", ist Walker klar. Dennoch bemühe sich die Bewos, ein solches zu fnden. Vor einem plötzlichen Rausschmiss müssen sich die Bewohner der Alge aber nicht fürchten, da es einen gesetzlich festgelegten Kündigungsschutz gebe. Und wenn es keine Lösung gebe, sich also kein geeignetes Gelände f nden sollte, werde die Alge auf diesem Gelände weiterbestehen. " Und wer weiß ", sagt Walker zum Schluss, " manchmal liegt das Gute so nah, ohne es zu wissen. "