Hötensleben. Was treibt eine Rheinländerin an den Rand der Magdeburger Börde, nach Hötensleben ? Dr. med. Erika Stiemerling, geborene Mooshake, hat auf diese Frage der Volksstimme sofort eine Antwort parat : " Nach der Wende und dem Vollzug der deutschen Einheit beschlossen mein Mann und ich, den alten Erbhof von 1550 der Familie Stiemerling im Ackerwinkel 2 wieder aufzubauen und in Gang zu bringen. "

Während Dr. Karsten Stiemerling, Zwölfter in der ununterbrochenen Erbfolge, noch seiner Arbeit als Leiter einer Zuckerfabrik im Raum Aachen nachging, brachte seine Gattin mit einheimischen Arbeitskräften die baufälligen Hofgebäude und das Wohnhaus von 1861 wieder auf Vordermann. Schon 1991 konnten sie ihren landwirtschaftlichen Betrieb wieder einrichten und auf den Ackerfächen des Hofes Stiemerling zunächst Zuckerrüben produzieren und wenig später auch Getreide.

Erika Mooshake und ihr späterer Mann hatten sich schon als Kinder kennen gelernt, denn die Familien Mooshake ( nachweisbar ab 1520 ) aus Weferlingen bei Schöppenstedt und Stiemerling waren seit 1920 befreundet und verkehrten miteinander. Erika Mooshake wuchs in Bonn auf und begann nach dem Abitur an der dortigen Friedrich-Wilhelm-Universität ein Medizin-Studium. An der Universität traf sie Karsten Stiemerling wieder, der dort ein Studium der Landwirtschaftswissenschaften absolvierte.

Nach ihrer Heirat betrieb Dr. med. Erika Stiemerling eine Praxis für Allgemeinmedizin, während ihr Gatte 1968 Leiter einer Zuckerfabrik wurde. Nachdem für beide fest stand, dass sie ihr weiteres Leben in Hötensleben verbringen wollten, begann sich Erika Stiemerling zielstrebig mit den Vorfahren ihres Vaters, den Sachsen, zu beschäftigen. Sie wollte ihre Sitten, ihre Traditionen und ihre Verhaltensweisen kennen lernen und nutzte jede sich bietende Möglichkeit, um ihr Vorhaben zu realisieren.

Zunächst studierte sie jede erreichbare Dorfchronik aus der Börde, besuchte Museen, Archive und Bibliotheken in Magdeburg, Quedlinburg, Braunschweig, Helmstedt, Schöningen und Wolfenbüttel. Sie führte darüber hinaus auch zahlreiche Gespräche mit heimat-und regionalgeschichtlich interessierten Bürgern und mit Zeitzeugen. Auf ihrem Programm standen weiter der Besuch von archäologische Ausgrabungsstätten, von

Museumsdörfern und von ehemaligen sächsischen Heiligtümern und Grabanlagen. Zu den Höhepunkten ihrer Recherchen gehört ohne Zweifel das Abfahren des etwa 550 Kilometer langen Weges, den viele Menschen aus Schlesien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges auf ihrer Flucht in die Magdeburger Börde nahmen. Die Fülle ihrer gewonnenen Informationen und Erkenntnisse drängte förmlich nach Nutzbarmachung für die Allgemeinheit und so entschloss sich Dr. Erika Stiemerling, sie in einem Buch zu publizieren.

Erika Stiemerling gab es unter ihrem abgekürzten Mädchennamen Lina Moos und dem Titel " Diesseits des Limes – Tatsachenroman nach historischen Begebenheiten " im Eigenverlag heraus. Die Geschichte Mitteldeutschland, früher Ostfalen genannt, steht im Mittelpunkt des Buches. Es berichtet auf spannende und unterhaltsame Weise vom Überlebenskampf der ersten Siedler, dem Ringen der Sachsen um ihre eigene Kultur, von Aberglauben und Hexenverfolgung, vom Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, von der Befreiung der Bauern vom Frondienst und vom bäuerlichen Wohlstand durch den Anbau der Zuckerrübe in der Magdeburger Börde im 19. Jahrhundert.

Das Leben an der " grünen Grenze " nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Grenzdorf zur Bundesrepublik Deutschland steht beispielhaft für die wechselhaften Launen der Geschichte. Historische Fakten und Begebenheiten werden von der Autorin mit f ktiven Ereignissen verwoben. Auf diese Weise entsteht ein buntes Kaleidoskop der Geschichte der Sachsen im Wandel der Zeit, erzählt aus dem Blickwinkel der einfachen Leute, die schon immer die Hauptlast geschichtlicher Entwicklung zu tragen hatten. Ihr Credo umriss die Autorin gegenüber unserer Zeitung folgendermaßen : " Ich möchte die Leser der hiesigen Region an ihre Wurzeln führen und darüber hinaus anderen Interessenten im Lande Kenntnisse über die Geschichte und die Lebensgewohnheiten der Sachsen vermitteln. " Dass ihr dies in hohem Maße gelungen ist, bestätigt der Autorin auch Dr. Jörn Weinert, Geschäftsführer des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt : " Sie hat ein mitreißendes Buch über die Geschichte, Kultur und Tradition unserer Heimat geschrieben. "