Gestank steht über Wernigerode. Immer mehr Leser fürchten, der unangenehme Geruch könnte gesundheitsschädlich sein. Jetzt meldet sich eine Krebspatientin zu Wort.

Wernigerode. Beim Blick aus ihrem Küchenfenster in einer Wohnsiedlung am Stadtrand zeigt die Wernigeröderin auf das nahegelegene Industriegebiet "Nord-West". "Dort kommt der Gestank her. Da bin ich mir sicher." Evi, die ihren vollständigen Namen nicht nennen möchte, ist Krebspatientin – Lymphdrüsenkrebs. Derzeit unterzieht sie sich einer kraftraubenden Chemotherapie. Im August hatte ihr Arzt die Diagnose gestellt. Sie wollte wissen, was die Krankheit verursacht hat. Laut des Onkologen gebe es viele Ursachen.

Evi wohnt seit 25 Jahren in Wernigerode. Bis 1988 hat die heute 62-Jährige im VEB Metallgusswerk gearbeitet. "Bis zur Wende hat es hier nie so gestunken."

Mit der Wiedervereinigung wurde der große Schornstein ihrer alten Arbeitsstätte abgerissen. Ein privater Unternehmer übernahm die Fabrik. Jahre später wurde die Firma aufgelöst – ein neuer Investor hält seitdem den Betrieb aufrecht. "Nach der Wende fing es an, dass wir den Geruch regelmäßig in der Nase hatten."

Woher ihre Krebserkrankung kommt, das kann Evi nur vermuten. "Ich hatte nach der Diagnose mit meinem Arzt gesprochen. Er fragte, wo ich früher gearbeitet habe. Als er von den 19 Jahren im Metallgusswerk erfuhr, vermutete er, die Krankheit könnte seit dieser Zeit in meinem Körper geschlummert haben."

"Nase warnt uns vor schädlichen Dämpfen"

Die Berichterstattung in der Harzer Volksstimme über die "Gestank-Meldugen" begrüße sie. "Ich habe schon lange darauf gewartet, dass mal einer was sagt." Denn es sei nicht ausgeschlossen, dass die übel riechenden Dämpfe in der Luft für den Menschen gesundheitsschädlich sind. "Es ist nur eine Vermutung." Und: "Aber vielleicht hat der Krebs auch etwas mit dem Gestank zu tun." Sie sei nicht die einzige Krebspatientin in der Wohnsiedlung gegenüber des Industrieparks. "Es gab hier schon immer Krebsfälle, daran ist nichts Außergewöhnliches. Aber in den letzten Jahren wurden es immer mehr." Mittlerweile mehr als 20. Zwei davon ebenfalls ehemalige Mitarbeiter der Gießerei.

Dann geht ihr Blick wieder aus dem Küchenfenster. "Es erschreckt mich, wenn ich darüber nachdenke, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte."

Auf Nachfrage der Volksstimme bestätigt ein Onkologe aus Goslar: "Schädliche Umwelteinflüsse können das Krebsrisiko erhöhen." Allerdings sei dies abhängig von der Art und Intensität der eingeatmeten Stoffe. "Solche Betriebe wie in Wernigerode arbeiten unter strengen Auflagen, die das Ableiten von gesundheitsgefährdenden Stoffen in die Umwelt verbieten", so der Krebsspezialist weiter.

Beim Landesveraltungsamt in Halle und beim Kreisumweltamt in Haberstadt wird Entwarnung gegeben. "Von diesem Gestank geht keine Gesundheitsgefährdung aus", sagt Klaus Frey. Und weiter: "Unsere Nase warnt uns lange bevor es für den Menschen gefährlich wird." Der Abteilungsleiter Immissionsschutz im Harzkreis arbeitet auf der Suche nach dem "Stinker" eng mit dem Kollegen zusammen, der in Wernigerode wohnt.

"Er hat am Donnerstag nach dem Geruch gefahndet und ist wahrscheinlich fündig geworden." Ein metallverarbeitendes Unternehmen im Industriegebiet soll in den kommenden Tagen von beiden Behörden kontrolliert werden.

Gabriele Städter vom Landesverwaltungsamt bittet bei der Fahndung des Geruchsverursachers weiter um Mithilfe. Hinweise werden in der Kreisverwaltung telefonisch unter (0 39 41) 59 70 67 72 sowie beim Landesverwaltungsamt unter (03 45) 5 14 21 35 entgegengenommen. Hilfreich seien Angaben zu Zeitpunkt, Dauer und Art der Gerüche.