Wernigerode l Mit einem Glas heimischen Bieres haben die Mitglieder auf den 90. Gründungstag ihrer Reisevereinigung "Luftbote zur bunten Stadt Wernigerode I" angestoßen. Der Vorsitzende Winfried Kresse (73), der seit 1976 diesem Verein vorsteht, informierte dabei, dass die Gründung auf Eduard Reinhardt zurückgeht. Bis 1933 leitete der Bäckermeister die Gruppe engagierter Taubenzüchter. Ihm folgte 1933 bis 1975 Bäckermeister Fritz Römmer.

Als sich am 30. Dezember 1923 in der Gaststätte "Zur Sonne" fünf Taubenzüchter zu einer Reisevereinigung zusammenschlossen, ahnte wohl niemand, dass es 90 Jahre später immer noch Vogelfreunde in Wernigerode gibt, die ihre Tauben in großen Entfernungen aufsteigen lassen, um sie nach einigen Flugstunden wieder auf dem heimischen Grundstück begrüßen zu können. "Unsere Reisevereinigung hatte in ihren Reihen vorwiegend Handwerker", erinnerte Winfried Kresse. Aus diesem ersten Wernigeröder "Mutterverein" bildeten später einige Mitglieder den zweiten Wernigeröder Verein mit Züchtern aus dem Viertel rund um den Ölberg, das ältere Bürger heute noch als "Jerusalem" bezeichnen. Danach entstand ein dritter Verein mit Hasseröder Züchtern. Nun gibt es nur noch zwei Vereine mit Gleichgesinnten aus Hasserode.

Taubenzüchter lassen ihre Vögel von Holland aus fliegen

Als sich die "Luftboten" zum Jubiläum trafen, schwelgten sie in Erinnerungen. So gab es einmal sogar einen DDR-Meister aus ihren Reihen. Bis zu 27 Mitglieder habe ihre Gruppe gehabt. Zu DDR-Zeiten seien die Tauben entweder im Norden des Landes oder in Polen beziehungsweise der damaligen Tschechoslowakei fliegen gelassen worden, berichtete der Vorsitzende. Seit der Wende bringen Wernigerodes und Quedlinburgs Reisevereinigungen ihre Tauben bis nach Holland, lassen sie von dort aus fliegen und freuen sich, wenn die Tiere schnell, unversehrt und vollzählig nach etwa 450 Kilometern Flug in den heimischen Taubenschlag zurückkommen.

13 solcher Touren mit unterschiedlichen Entfernungen gebe es jährlich, so war es im Vorjahr, so soll es auch in diesem Jahr wieder werden. "Nicht alle Tauben kehren heim", so der Vereinschef. Die Mitglieder rechnen mit etwa zehn Prozent Schwund. Die meisten dieser Tiere würden unterwegs bleiben und sich bei einem anderen Züchter niederlassen. Obwohl die Tauben alle beringt und deshalb dem jeweiligen Züchter zuzuordnen sind, sei es zu aufwendig, die Tiere abzuholen - so seine Erfahrung. Nicht mehr für weite Flüge geeignete Tiere werden für die Zucht genutzt oder landen gleich im Kochtopf.

Hobby hat keine Zukunft, der Nachwuchs fehlt

Die Mitglieder wissen, dass ihr Hobby keine Zukunft hat. Ungewiss ist deshalb, ob sie aus Alters- beziehungsweise Gesundheitsgründen noch das 95. Vereinsjubiläum begehen werden - vom 100. ganz zu schweigen. "Jede Zeit bringt neue Interessen mit sich. Die Jugend hat andere als wir einst", sagt Winfried Kresse. Hinzu kämen ständig steigende Kosten, vom Futter bis zu den Benzinpreisen für das Fahrzeug, mit dem die Tauben zum Start gebracht werden. Dennoch ist er sich mit seinen Vereinsmitgliedern einig: Ihr Hobby ist für sie das schönste.