Es ist das Wahrzeichen von Wernigerode, zieht die Blicke der Besucher magisch an. Das Rathaus erzählt die Geschichte der Stadt. Die Diplom-Juristin Julia Hartwig hat sich mit einem der bedeutendsten Bauwerke ihrer Heimatstadt beschäftigt und ihre Erkenntnisse darüber in einer Studienarbeit veröffentlicht.

Wernigerode l "Fasziniert hat mich vor allem, dass hinter diesem wunderschönen Rathaus eine so tiefe Historie steckt, die die gesamte Geschichte der Stadt widerspiegelt." Wie viele Wernigeröder ist Julia Hartwig stolz auf das reich verzierte Wahrzeichen ihrer Heimatstadt.

Die 26-Jährige hat das Haus, das 1277 urkundlich erstmals erwähnt wurde, ganz genau unter die Lupe genommen - für eine Studienarbeit unter dem Titel "Vom Spelhus zum Rathaus - das Wernigeröder Rathaus als Rechtsort im Mittelalter und in der frühen Neuzeit" an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg.

Sechs Wochen lang begab sie sich auf Spurensuche im Stadtarchiv und in der Universitätsbibliothek Halle. Fündig wurde sie unter anderem bei Eduard Jacobs, einem Harzer Lokalhistoriker und langjährigem Archivar des Wernigeröder Fürstenhauses.

Besonders erstaunt war die Diplom-Juristin über die Erkenntnis, dass die Wernige-röder offenbar ein sehr friedfertiges Völkchen waren. "Anders als in Halberstadt oder Goslar hat es hier keine konfliktgeladenen, epochetypischen Autonomiebestrebungen von Rat und Bürgerschaft gegeben", sagt sie im Volksstimme-Gespräch. Kein Streit und keine Zwietracht im düsteren Mittelalter? "Nein, so etwas kannten die etwa 2000Wernigeröder nicht. Und so düster war das Mittelalter gar nicht."

Zum einen habe es in Wernigerode keinen "geistlichen Gegenpol zur weltlichen Machtbasis" gegeben - wie im Bistum Halberstadt in Form des Domkapitels. Geschuldet sei der Frieden auch der "nicht straff geführten Verwaltung der Grafen". Sie hätten Julia Hartwig zufolge die Bürger respektiert statt unterdrückt.

"Graf Heinrich zu Wernigerode hat den Bürgern 1427 das Spelhus geschenkt", erklärt sie. "Vielleicht war es ihm zu teuer, das Gebäude zu erhalten." Möglicherweise wollte er mit der Schenkung aber auch das Streben der Wernigeröder nach Selbstverwaltung und eigener Ratsfassung anerkennen. Der Rat wurde erstmals 1279 erwähnt. Den hohen Stand der städtischen Selbstverwaltung zeigt die "Wernigeröder Willkür" von 1540, eine Sammlung über die Pflichten der Bürger, über Handel und Ordnung.

Wahrscheinlich bestand der Rat aus vier Bürgermeistern und acht Ratsmannen, unter ihnen niedere Adelige, aber auch Bürger und Handwerker. Er beschäftigte mehrere Stadtbedienstete wie Hebammen, Schäfer und Marktmeister.

In der Schenkungsurkunde verlangte Graf Heinrich auch, dass im Spelhus weiter Gericht gehalten werden sollte. Gerichtstermine wurden vom Grafen oder von seinem Vertreter, dem Vogt wahrgenommen, berichtet Julia Hartwig. Auch Rat und "Burmeister" (Bürgermeister) durften Recht sprechen - meist auf dem Marktplatz oder auf einem Platz vor den Toren der Stadt (dem Lindenplan), aber auch im Spelhus. Eine Trennung zwischen Verwaltung und Gericht gab es nicht.

Strafrecht wurde damals öffentlich, oft unter freiem Himmel, ausgeübt. "Die meisten Bürger konnten weder lesen noch schreiben. So sollten sie sehen, was rechtens ist und was nicht. Recht sollte nichts Geheimes sein. Auch Stadtratssitzungen waren damals schon öffentlich", weiß sie.

Auf dem Markt fanden die Inquisitionsprozesse statt, der bekannteste 1583, als drei Frauen und ein Mann aus Drübeck auf dem Marktplatz verbrannt wurden. "Neben der \'Richtebank\' befand sich ein Pranger auf dem Markt", sagt die Juristin. "An seiner Stelle steht heute der Wohltäterbrunnen."

Der Name "Spelhus" deutet derweil daraufhin, wie bedeutend der Gemeindecharakter des Gebäudes war. "Das Wort \'spellen\' kommt von \'erzählen\'. Dort trafen sich die Leute, um miteinander ins Gespräch zu kommen", sagt Julia Hartwig. Oder um Gaukler auf dem Marktplatz zu beobachten.

"Das Wort \'spellen\' kommt von \'erzählen\'. Dort traf man sich, um ins Gespräch zu kommen."

Die Wernigeröder hätten ihr zufolge schon immer gerne und ausgiebig gefeiert - auch im Spelhus. Als multifunktionales Gebäude beherbergte es ein "Kophus" (Kaufhaus), diente als Theater, Tuchhaus, gräfliche Weinschänke - und Tanzhaus. Noch heute erinnern die Moriskenfiguren an die vielseitige Nutzung. Sie zeugen auch von der wichtigen Stellung der Gilden und Zünfte für die Stadtentwicklung.

"Das Gebäude war anfangs recht gedrungen und klein", berichtet sie. Kurz nach der Schenkung ließ der Rat das Gebäude um einen neuen massiven Bau erweitern. Später folgten Türmchen, Prachtfassaden, Arkaden, Gerichts- und Herrschaftszeichen. "Sie sollten die hohe Würde und Ehre des Rates unterstreichen", erklärt sie. Die Arbeiten leitete der Zimmermeister Thomas Hilleborch.

Einem verheerenden Brand im Jahr 1528 fiel dann das bisherige Ratsgebäude an der Ostseite des Marktes zum Opfer. "Aus der Not heraus entschied man sich, das Spelhus endgültig zum Rathaus umzubauen", sagt sie. Verantwortlich war Simon Hilleborch, der Sohn von Thomas Hilleborch.

"Ich war schon deprimiert, als ich gemerkt habe, wie viele Fragen offen geblieben sind."

Wer der erste "Burmeister" (Bürgermeister) war, sei heute nicht bekannt. "Ich war schon etwas deprimiert, als ich gemerkt habe, wie viele Fragen offen geblieben sind. Leider sind während der Stadtbrände viele Dokumente verloren gegangen", erklärt die Diplom-Juristin.

 

Bilder