Heroin und Alkohol - jahrelang haben Maik Lindner und Michael Hahring mit der und für die Sucht gelebt. Der Ausstieg aus diesem Teufelskreis ist schwer und voller Rückschläge. Für die Harzer Volksstimme berichten die beiden Männer von ihrem Leidensweg.

Wernigerode l Schlagfertig, kontaktfreudig, gut gelaunt. Das Heroin hat Maik Lindner zu dem Menschen gemacht, der er immer sein wollte. So dachte er früher. Eine Lüge, weiß er heute. Jahrelang bestimmte die Sucht sein Leben. Angstzustände, Entzugserscheinungen. Unsägliche Schmerzen, die seinen Körper wie Stromstöße durchzuckten. Dazu die Gewissheit, dass er ohne Heroin nicht durch den nächsten Tag kommt.

Seit drei Jahren lebt der 37-Jährige in einer ambulant betreuten Wohngruppe in Wernigerode. Die Einrichtung in der Degener Straße gehört zum Komplementären Bereich des Diakonie-Krankenhauses Elbingerode. Dort hat Maik Lindner auch Michael Hahring (Name von der Redaktion geändert) kennengelernt. Zwei grundverschiedene Männer, die das gleiche Schicksal teilen.

Hahring ist alkoholkrank. "Schon als Jugendlicher habe ich mit älteren Freunden getrunken, ich wollte einfach dazu gehören", erinnert sich der heute 42-Jährige. Während der Lehre verschlimmerte sich sein Konsum. "Ich habe jeden Tag gesoffen. Man war in einer anderen Welt. Das machen doch alle so." Bier, Schnaps - im Zug zur Berufsschule, in der Disko, in Bars. "Mein Lehrmeister hat mich einmal auf meine glasigen Augen angesprochen. ¿Das wird schlimm mit Ihnen enden\', hat er gesagt."

Nach seiner Ausbildung ging Michael Hahring in den Westen, arbeitete viel auf Montage. Da habe er gemerkt, dass er den Alkohol brauchte. "Ich habe morgens angefangen zu zittern. Damals wusste ich gar nicht, was Entzugserscheinungen sind." Der Alkohol machte ihn aggressiv. Schlägereien, Konflikte mit der Polizei - "jeden, der mich schief angeguckt hat, habe ich verprügelt."

"Ich habe meine Maurerausbildung abgebrochen, mich fallen gelassen, nur noch in den Tag hinein gelebt."

Bei Maik Lindner war es die Neugier, die ihn in die Sucht trieb. "Eigentlich hatte ich immer Respekt vor Drogen, habe sie mit dem Tod verbunden." Als ein Kumpel in der Berufsschule begann, mit Drogen zu experimentieren, konnte er nicht mehr widerstehen. Ecstasy, Speed, LSD - doch er schwor den Drogen wieder ab. Vorerst. "Sie haben meine Stimmungsschwankungen verstärkt. Davor hatte ich Angst."

Nach der Bundeswehr ging es wieder los. Eine unerwiderte Liebe zog ihn damals so herunter, dass er Heroin probierte. "Das beste Antidepressiva, das es gibt." Schnell packte ihn die Sucht. Heroin wurde sein einziger Antrieb. "Ich habe meine Maurerausbildung abgebrochen, mich einfach fallen gelassen, nur noch in den Tag hineingelebt. Das Heroin war wichtiger als alles andere."

Die Sucht forderte ihren Tribut - sowohl bei Maik Lindner als auch bei Michael Hahring. "Meine erste Entgiftung hatte ich 1992", sagt Hahring. "Ich wollte es mal ausprobieren. 14 Tage lang und dann Weitertrinken, Klinik, nur damit der Körper entgiftet." Immer wenn es nicht mehr ging, ließ er sich wieder ins Krankenhaus einweisen. Erst als seine Bauchspeicheldrüse zu versagen drohte, nahm er seine Suchterkrankung ernst.

"Ich lag im Koma, mein Leben stand auf der Kippe." Zur Jahrtausendwende absolvierte er seine erste Therapie. "Ich war mir so sicher, dass ich nie wieder trinke." Auch Maik Lindner ließ seinen Körper mehrmals entgiften. "Wenn ich kein Geld für Drogen hatte. Nach vier Wochen im Krankenhaus hatte ich keine Lust mehr auf Heroin, war motiviert." Sein größter Fehler sei die Selbstüberschätzung gewesen. "Denn in dem Moment, in dem ich das Krankenhaus verließ, war die Welt wieder da. Draußen hat keinen mehr interessiert, dass ich clean war." Die erste Therapie begann er aus einer Zwangslage heraus. "Ich konnte die Miete nicht mehr zahlen und musste aus der Wohnung raus." Neun Monate im geschützten Raum. "Ich schaffe das, werde nie wieder rückfällig."

Doch die Sucht holte beide Männer wieder ein. "Kaum war ich zurück in meinem alten Umfeld, war ich wieder abhängig", erinnert sich Maik Lindner. Michael Hahring rührte zwei Jahre lang keinen Alkohol an. "Dann habe ich mit alkoholfreiem Bier angefangen." Einen Riesenfehler, denn der Geschmack erinnerte ihn an richtiges Bier. 2004 die nächste Therapie.

Wieder zwei Jahre trocken. Dann wieder der Rückfall. "Meine Frau verließ mich. Da war es dann ganz aus", so Hahring. "Ich habe mich zuhause eingegraben. Habe nur noch getrunken. Ich hatte Selbstmordgedanken, wollte nicht mehr leben." Auf Druck der Eltern ließ er sich schließlich ins Diakonie-Krankenhaus in Elbingerode einweisen. "Sie haben mich in der Klinik abgeliefert und sind weggefahren." Nach der Therapie und einem Aufenthalt im Übergangswohnheim in Blankenburg suchte sich Hahring eine Wohnung in Wernigerode. "Jetzt war ich auf dem Olymp, eine eigene Wohnung. Herrlich." Aber er war ganz allein. Und fing wieder an zu trinken. Mehrere Entgiftungen innerhalb kurzer Zeit blieben erfolglos, eine weitere Therapie folgte. "Bis ich schließlich im Wohnheim in der Degener Straße landete."

Maik Lindner ließ sich sieben Monate lang in Elbingerode behandeln. "Danach wollte ich zurück nach Hause, zog aber auf Anraten der Ärzte doch ins Übergangswohnheim nach Blankenburg." Die Angst, wieder rückfällig zu werden, war groß. Erst in der Degener Straße habe er wirklich zu sich gefunden.

Die Zeit in der Wohngruppe habe ihn völlig verändert, sagt Maik Lindner. "Es ist so märchenhaft in Wernigerode, so ruhig, so ausgeglichen - anders als in meiner Heimatstadt Leipzig", so der 37-Jährige. "Ich bin feinfühliger geworden. Das Leben ist so kostbar. Das weiß man jetzt erst zu schätzen." Geholfen habe ihm auch der christliche Glauben. Inzwischen sei es ihm ein Bedürfnis, für andere Menschen da zu sein. Er habe alte Menschen im Seniorenheim begleitet, was in ihm den Wunsch weckte, als Heilerzieher zu arbeiten. Inzwischen träumt er von einer eigenen Wohnung und davon, eine Familie zu gründen. "Aber bloß kein Stress. Ich lasse mir Zeit, gehe in kleinen Schritten vorwärts."

"Der christliche Glauben ist wie ein Rettungsring für mich. Ich bin dankbarer und gelassener geworden."

Michael Hahring hat ebenfalls zum christlichen Glauben gefunden. "Er ist wie ein Rettungsring für mich", sagt der 42-Jährige. Er sei ruhiger, gelassener und dankbarer geworden. Neben einer eigenen Wohnung sei es sein Wunsch, Demenzkranken zu helfen - "Ehrenamtlich, und wenn es meine Gesundheit zulässt." Seine Familie sei über seinen Erfolg beim Kampf gegen die Sucht sehr erfreut. "Sie haben aber immer noch Angst um mich. Auch für sie will ich jetzt stark sein."

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