Die Pappeln am Silstedter Sportplatz sind alt und stellen eine Gefahr für Sportler und Spaziergänger dar. Doch sie dürfen nicht einfach gefällt werden, denn in einem Baum haben sich Rotmilane angesiedelt, die unter Schutz stehen.

Wernigerode/Silstedt l An der Ostseite des Silstedter Sportplatzes liegen Äste, einige verstreut, einige zu ordentlichen Haufen zusammengelegt. Der Maschendrahtzaun ist an zwei Stellen durchbrochen worden - von den Stämmen zweier Pappeln, die zwischen Weihnachten und Neujahr umgefallen sind. "Aus unserer Sicht ist Gefahr im Verzug", sagt Silstedts Bürgermeister Karl-Heinz Mänz (CDU). Deshalb hat er sich am Dienstag mit Vertretern von Stadtverwaltung und Harzkreis vor Ort beraten.

Das Problem: Die Pappeln, die Mitte der 1950er Jahre rund um den Sportplatz gepflanzt wurden, sind krank und teilweise abgestorben. Immer wieder brechen Äste. Es sei ständig damit zu rechnen, dass weitere Bäume umstürzen, so Mänz. Der Sportplatz werde von Sportgemeinschaften und für den Schulsport genutzt. Wenn die Bäume stehen bleiben sollten, sei das nicht mehr zu verantworten. "Der Ortschaftsrat hat bereits seit vergangenem Frühjahr auf das Problem hingewiesen", kritisiert Mänz. Bis zur Begehung am Dienstag sei jedoch nichts geschehen.

Dies erklärt Frank Schmidt, Chef des Wernigeröder Gartenamtes, mit der Umstellung der städtischen Haushaltsführung auf das betriebswirtschaftliche Doppik-Systems. Dabei müssten die Zuständigkeiten neu geklärt werden - und für den Sportplatz gab es mit den Bereichen Sportstätten, Liegenschaften und dem Gartenamt gleich drei Anwärter.

Von der Sache her stimmt Schmidt mit dem Ortsbürgermeister überein - auch wenn die Lage aus seiner Sicht erst zum Jahresende dramatisch geworden ist. "Früher war es üblich, Sportplätze mit Pappeln zu umpflanzen, um einen Windschutz zu haben", erläutert der Amtsleiter. Die schnell wachsenden Bäume haben allerdings Nachteile. Ihr Holz ist weich und anfällig für Krankheiten und Schädlinge. Einen Windschutz bieten die mittlerweile sehr hohen Pappeln nicht mehr, dafür wird das herabfallende Laub zum Problem.

Deshalb möchte die Stadtverwaltung die Bäume fällen lassen. Doch so einfach ist das nicht, denn in einer der Pappeln haben sich Milane angesiedelt. In den Horst sind Müll und Stofffäden seien eingearbeitet, erklärt Michael Hellmann von der Unteren Naturschutzbehörde nach dem Blick durchs Fernglas. "Das ist typisch für Rot- und Schwarzmilane, ein richtiges Markenzeichen", sagt der Experte.

Der kleine Horst wurde bereits im Frühjahr 2012 bei der bundesweiten Milankartierung entdeckt. Der geschützte Raubvogel hat sein Siedlungsgebiet im gesamten Landkreis. Seit 1990 ist hier der Bestand um die Hälfte zurückgegangen, sagt Michael Hellmann. Deshalb müssten eigentlich der Baum, der den Milanhorst trägt, sowie die benachbarten Pappeln erhalten werden. "Die sind allerdings in einem genauso schlechten Zustand wie die übrigen Bäume", sagt Hellmann.

Zudem sei offensichtlich, dass von den Bäumen eine Gefahr ausgehe. "Natürlich stehen die Verkehrssicherheit und die Gefahr für den Menschen vor dem Vogelschutz", so Hellmann. Deshalb werde die Untere Naturschutzbehörde sich aller Voraussicht nach nicht querstellen, wenn die Stadt beantragt, die Pappeln zu fällen.

Für den Artenschutz sei jedoch die Obere Naturschutzbehörde zuständig - diese müsste die Baumfällung genehmigen. Und das schnell, denn bereits Ende Februar könnten die ersten Milane den Horst besetzen. Die Brutzeit beginnt spätestens Ende März: "Dann bekommen sie nirgendwo in Deutschland mehr eine Ausnahmegenehmigung", warnt Hellmann. Als Ausgleich müssten neue Bäume gepflanzt werden, die sich als Nistplätze für Milane eignen.

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