Die Zahl der vorfristig aufgelösten Ausbildungsverträge steigt an. Allein im Harzkreis haben mehr als ein Drittel der Lehrlinge diesen Schritt gewählt. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Eine davon wird von den Experten als Praxisschock bezeichnet.

Halberstadt l Bei der Agentur für Arbeit Halberstadt wird der Negativtrend mit Sorge betrachtet, sagt Freya Fuckert. Zwar gibt es nach Angaben der Bereichsleiterin speziell für den Harzkreis nur wenige Zahlen. Die Entwicklung vor Ort lässt sich allerdings ziemlich exakt aus der im gesamten Land Sachsen-Anhalt ableiten.

Dort wurden 2011 insgesamt 12 411 Ausbildungsverträge abgeschlossen. 2012 waren es nur noch 11 535. Freya Fuckert: "Das ist hauptsächlich der demografischen Entwicklung geschuldet." Paradox: Die sogenannte Lösungsquote war innerhalb dieses Zeitraums entgegengesetzt von 31,0 auf 31,9 Prozent gestiegen. Im Harzkreis warfen 2010 sogar 32,1 Prozent vorzeitig hin und 2011 bereits 36,2 Prozent. Die Bereichsleiterin: "Für 2012 ist noch keine Aussage möglich." Fest steht allerdings, dass etwa die Hälfte der Azubis das erste Lehrjahr nicht übersteht. Doch es gibt auch Fälle, wo die oder der Betreffende wenige Wochen vor den Abschlussprüfungen die Segel streichen. Besonders betroffen sind laut Freya Fuckert die Branchen Handwerk und Industrie, aber auch der Handel.

Die Gründe dafür erscheinen höchst verschieden. Teilweise geben die Betroffenen schlechtes Betriebsklima als Hauptursache an. Gerade in kleinen Firmen könne dieser Eindruck entstehen, weil dort mangels Personal nicht extra Betreuer für den Nachwuchs einsetzbar sind. Der Ausbilder muss "nebenbei" noch seinen Job erledigen. Die Expertin weiter: "Andere sagen, sie hatten völlig falsche Vorstellungen über den Beruf gehabt. Das ist für uns sehr betrüblich." Denn nötig wäre dies nicht. Freya Fuckert: "Wir vermissen manchmal die Unterstützung im Elternhaus." Natürlich kann inzwischen jeder Jugendliche rein rechnerisch einen Ausbildungsplatz erhalten. Aber mitunter passen die Zensuren nicht oder es gibt in der Region keinen geeigneten Lehrbetrieb. Außerdem befinden sich für einige Branchen die Berufsschulen inzwischen in Haldensleben oder sind noch weiter von zu Hause entfernt.

Positiv ist aus Sicht der Vermittler, dass die Geschäftsführer beziehungsweise Personalchefs der Unternehmen zunehmend auch Jugendliche beachten, die in der Theorie zwar nicht so firm sind, dafür aber handwerklich begabt.

Ein probates Instrument gegen vermeidbare Irrtümer bei der Berufswahl sind Praktika, sagt Marcella Lange. Damit lässt sich nach den Erfahrungen der zuständigen Agentur-Teamleiterin ein Scheitern am sogenannten Praxisschock vermeiden. Allerdings nur, wenn diese gezielt im künftigen Wunschberuf erfolgen. Und nicht "bei Mutti, weil es so bequem ist", wie Freya Fuckert ergänzt.

Um fachlich hochwertige Praktika anbieten zu können, wurde 2010 eine Börse im Hause ins Leben gerufen. Nicht am grünen Tisch, sondern gemeinsam mit den Firmen. Bisher konnten laut Bereichsleiterin Operativ zehn Qualitätssiegel an Betriebe verliehen werden. Freya Fuckert: "Das sind kleine Schritte, die wir gehen."

Unabhängig davon beginnt die Berufsberatung bereits in der siebenten Klasse flächendeckend durch verschiedene Projekte, berichtet Marcella Lange. Die Teamleiterin: "Spätestens ab der neunten Klasse erfolgt eine individuelle Betreuung." Acht allgemeine und vier in Fragen der Rehabilitation geschulte Berater stehen dafür in der Halberstädter Arbeitsagentur zur Verfügung. Dank der guten Kooperation mit den Schulleitungen können sie auch Sprechstunden direkt vor Ort anbieten.

Zudem gibt es im Sitz der Behörde Schwanebecker Straße 14 das BerufsInformationsZentrum. Dort haben Interessenten die Möglichkeit, sich über 350 verschiedene Zukunftsperspektiven zu informieren.

"Viel zu wenig Jugendliche suchen im Vorfeld bei uns Hilfe", sagt Marcella Lange. Ihr Rat: "Sie sollten einfach mal herkommen. Dann kriegen sie hier auch schnell einen Termin."