Wernigerode/Blankenburg. Gestern morgen, 10.12 Uhr, Raum 115 des Amtsgerichts Wernigerode: "Hiermit eröffne ich die Bieterzeit", sagt Diplom-Rechtspfleger Andreas Gaschler. Vor ihm zur rechten sitzen Philipp Eysel, Rechtsamtsleiter der Blankenburger Stadtverwaltung, der als sogenannter Notliquidator fungiert, sowie zur linken Karl-Josef Hahner, der Chef des Trink- und Abwasserzweckverbandes Blankenburg und Umgebung (TAZV). Auch einige interessierte Zuschauer warten gespannt darauf, ob jemand ein Gebot abgibt. Und wenn ja, in welcher Höhe.

Immerhin kommt hier ein Filetstück im Herzen der Blütenstadt "unter den Hammer". Knapp 6000 Quadratmeter groß, in bester Lage, aber auch in desolatem Zustand: die ehemalige herzogliche Domäne.

Die einstigen Verwaltungs-, Wohn- und Stallgebäude an der Tränkestraße stehen seit 1991 leer und sind seither dem Verfall preisgegeben. Ein Wertgutachten spricht von 148000 Euro. Zum Versteigerungstermin, angestrebt vom TAZV, sind allerdings schon alle Wertgrenzen entfallen. Hier geht es nur noch darum, möglichst die angehäuften Schulden gegenüber der öffentlichen Hand wieder reinzuholen.

Noll ist erster Bieter

Der TAZV hat gegenüber dem bisherigen Eigentümer, der GBS Immobilien (München) – Nachfolgerin des "Planet Harz", Forderungen in Höhe von 11025,31 Euro aufgemacht. Der Stadt entgingen seit 2004 Grundsteuern samt Mahngebühren in Höhe von 2730,65 Euro. An sich bescheidene Summen für ein Objekt dieser Größenordnung.

Es ist 10.22 Uhr. Andreas Gaschler weist auf die Bieterzeit hin, die in 20 Minuten abläuft. "Ich appelliere an Ihre Vernunft, nun ein Gebot abzugeben. Denn ich habe um 11 Uhr einen nächsten Termin", scherzt der Rechtspfleger. Um 10.27 Uhr dann das erste Gebot: Bürgermeister Hanns-Michael Noll bietet für die Stadtverwaltung 14000 Euro.

Zwei Sitze neben ihm blättern seit Minuten zwei Herren interessiert im Wertgutachten, das auf die desolate Bausubstanz hinweist. Einziger Lichtblick in der Auflistung horrender Kostenschätzungen: der sanierte Taubenturm, für den sich die Stadt ein Zufahrts- und Wegerecht gesichert hat. Auch über einen möglichen Eigentümerwechsel hinaus.

Um 10.35 Uhr ist es dann soweit: Herbert Windorfer, Unternehmer aus dem bayerischen Waldkirchen, ergreift das Wort und bietet 17500 Euro. Hahner und Noll sind sichtlich erleichtert.

10.43 Uhr: Andreas Gaschler ruft erneut das Gebot auf. "Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten – Die Domäne ist für 17500 Euro versteigert." Allerdings wird es noch 14 Tage dauern, bis dieses Gebot offiziell verkündet wird und damit Rechtskraft erlangt.

Beginn noch 2011?

"Nun müssen wir schauen, dass wir Einfluss nehmen im Sinne der Stadtentwicklung. Wichtig ist, dass dieses Bauwerk am Eingang zur Stadt im Sinne des Denkmalschutzes saniert wird und es in der Struktur erhalten bleibt", sagt ein zufriedenes Stadtoberhaupt, der auf die Seriosität der künftigen Eigentümer setzt. Hahner: "Wir sind dazu verpflichtet, unsere Forderungen wieder reinzuholen. Wenn damit auch die Stadt vorankommt, ist es umso schöner", sagt der TAZV-Chef.

Auch Herbert Windorfer wirkt nicht unzufrieden. "Wir werden so schnell wie möglich versuchen, die Sanierung in Angriff zu nehmen. Entscheidend ist für uns die nachhaltige Nutzung", so der Unternehmer. Nähere Details dazu wolle er aber nicht nennen. "Wir müssen erst Ideen und Konzepte entwickeln, ein Brainstorming". Immerhin schließt er den Beginn von Arbeiten noch in diesem Jahr nicht aus.

Vielsagend ist allerdings bereits der Name der künftigen Eigentümerin: Immobiliengesellschaft Domäne OHG (offene Handelsgesellschaft, d. Red.). Und Herbert Windorfer ist nicht nur gestandener Immobilienmakler am Chiemsee, sondern hat vor mehr als 30 Jahren auch die Baronhofbau-Unternehmensgruppe gegründet. Laut Internetauftritt errichtet sie als Bauträger Wohnprojekte, Geschäftshäuser, Supermärkte und Einkaufszentren. Seit etwa zehn Jahren liege deren Schwerpunkt "in der Projektierung, Erstellung und Veräußerung von Einzelhandelsobjekten".