Wernigerode l Eingestürzte Häuser, geborstene Fensterscheiben: Nach dem Bombenabwurf am 22. Februar 1944 liegt ein Teil der Wernigeröder Innenstadt in Schutt und Asche. Am Wochenende wird an den 70. Jahrestag des Angriffs erinnert.

Der 22. Februar 1944 ist ein klarer, kalter Wintertag. Wenige Minuten vor 14 Uhr heulen die Sirenen in Wernigerode - wie so oft in den vergangenen Wochen. Diesmal ist es kein Fehlalarm. 180 Fliegerbomben fallen auf die Stadt und legen zahlreiche Häuser in Schutt und Asche. 192 Menschen verlieren ihr Leben. Heute jährt sich der Jahrestag des Bombenangriffs zum 70. Mal. Daran erinnert die Johanniskirchgemeinde am morgigen Sonntag um 10 Uhr mit einem Gedenkgottesdienst in der Johanniskirche.

Horst Scheffler ist Mitglied der Gemeinde. Damals wohnte er in einem Haus in der Pfarrstraße 21, schreibt er im aktuellen Gemeindebrief. Seine Mutter und sein jüngerer Bruder wurden unter den Trümmern des Hauses begraben. Auch für andere Gemeindemitglieder ist die Geschichte präsent, weiß Pfarrerin Heide Liebold. Wenn sie ältere Gläubige etwa zu Geburtstagen besucht, erinnern sie sich häufig an jenen 22.Februar.

Denn viele Wernigeröder Familien leben noch immer in ihren angestammten Häusern, die Kriegserlebnisse haben ihr Leben geprägt. "Es sind nicht nur Gebäude eingestürzt, sondern ganze Lebensgeschichten zerstört worden", so Heide Liebold. In dem Gottesdienst sollen deshalb zwei Zeitzeugen zu Wort kommen, die den Bombenangriff erlebt haben. Weitere Erlebnisberichte werden von Schülern verlesen, die im Jugendkreis der Gemeinde mitwirken.

Zu ihnen gehört Johannes Domsgen. Der 15-Jährige hat ein zehntägiges Schülerpraktikum in der Johanniskirchengemeinde absolviert und der Pfarrerin bei den Vorbereitungen zum Gedenkgottesdienst geholfen. So besuchte er Zeitzeugen, die ihm von ihren Erlebnissen erzählten. Berührt hat ihn die Geschichte eines alten Herrn, der als Siebenjähriger den Bombenangriff überlebte - drei Tage lang war er unter den Trümmern verschüttet, bis Helfer ihn fanden.

"Ich nehme jetzt bewusster wahr, welche Schicksale hinter den Baulücken stehen." - Johannes Domsgen, Schüler

Der junge Wernigeröder sieht die Vergangenheit seiner Heimatstadt dadurch mit anderen Augen. "Ich nehme jetzt bewusster wahr, welche Schicksale hinter den Baulücken im Stadtbild stehen", sagt er und zeigt ein Foto der Breiten Straße. "Hier komme ich ganz häufig vorbei." An der Ecke Johannisstraße steht bis heute kein neues Gebäude.

Die Johanniskirche wurde ebenfalls von den Bomben beschädigt. Die Fenster zerbarsten durch die Druckwelle, die Maßwerke aus Kalkstein trugen Schäden davon, die bis heute nicht behoben sind (Volksstimme berichtete). Ältere Bürger erinnern sich an das Totengedenken in dem zerstörten Gotteshaus. "Die Tochter des Pfarrers musste den Schnee von den Särgen fegen, damit die Trauerfeier stattfinden konnte", so Heide Liebold.

Nach dem Gedenkgottesdienst wird zum Kirchenkaffee im Martin-Luther-Saal eingeladen, wo die Möglichkeit zu Gesprächen besteht. Zeitzeugen sowie deren Nachkommen und Familien sind willkommen, ebenso wie interessierte Besucher.

Das Harzmuseum wird dort um 11.30 Uhr eine Ausstellung eröffnen, die zuvor noch nie öffentlich gezeigt wurde. "Wir nutzen eine Dokumentation, die bereits 1989 von Schülern der ehemaligen Maxim-Gorki-Oberschule erstellt wurde", erklärt Museumsleiterin Silvia Lisowski. Darin haben die Schüler auf 17 großformatigen Seiten die Folgen der Angriffe in Bildern dokumentiert. Die Fotos zeigen die betroffenen Straßenzüge vor und nach dem Einschlag der Bomben, hinzu kommen Bilder, die den Zustand des Jahres 1989 wiedergeben.

Die Stadtverwaltung Wernigerode organisiert am heutigen Sonnabend um 14 Uhr eine Gedenkveranstaltung auf dem Zentralfriedhof. Dort wird Ludwig Hoffmann, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Wernigerode, sprechen. Um 14 Uhr sollen die Glocken aller Wernigeröder Kirchen läuten. In der Sylvestrikirche findet am Sonntag um 10 Uhr ebenfalls ein Gedenkgottesdienst statt.

Bilder