Drei AnnenHohne l Mehr als 1400Flugzeuge sollen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs zwischen Magdeburg und Hildesheim, zwischen Braunschweig und Nordhausen abgestürzt sein, vermutet der Halberstädter Ortschronist Werner Hartmann. Er forscht seit mehr als 20 Jahren über die verunglückten Flieger, sammelt akribisch Unterlagen und steht in engem Kontakt zu Museen und Behörden.

Im Harz wurden Wrackteile englischer, US-amerikanischer, russischer und deutscher Flugzeuge gefunden. Der Silstedter Alexander Posselt ist wie Werner Hartmann ein Spurensucher der Geschichte. Der 35-Jährige durchkämmt allerdings nicht alte Akten und Dokumente, sondern forscht mit geschultem Blick direkt im Wald.

Selbst auf hochfrequentierten Wanderwegen entdeckt der Tischler Trümmer, die sonst niemandem auffallen. So auch kleine Aluminiumfetzen, die auf einem Kiesweg bei Drei Annen Hohne liegen. "Unweit von hier ist ein deutscher Jagdflieger abgestürzt, von dieser Maschine stammen die Teile", sagt er. "Das Flugzeug hatte eine sehr hohe Geschwindigkeit, als es auf die Erde aufschlug." Die Maschinen zerschellte, die Segmente bohrten sich in den Waldboden. Metallteile schmolzen in der Hitze der Explosion. Am Absturzort liegen die Trümmer viele Meter weit voneinander entfernt. Der deutsche Soldat ist vermutlich am 12. September 1944 in einer Messerschmidt 109 abgestürzt, entnimmt Werner Hartmann seinen Unterlagen.

Unweit des deutschen Jagdfliegers stieß Alexander Posselt auf zwei weitere Absturzstellen. Er glaubt, dass es sich bei den Piloten um einen US-Amerikaner und einen Briten handelt. Beim britischen Flieger fand er englisches Münzgeld sowie Uniformknöpfe, auf denen Krone und Adlerschwinge sowie die Initialen "AM" eingraviert sind. "Das steht für Air Ministry", sagt er. "Es könnte sein, dass in Großbritannien noch Verwandte existieren, die ein Recht auf Information haben." Er habe daher versucht, sie ausfindig zu machen. Doch während für deutsche Piloten die Kriegsgräberfürsorge und die Wehrmachtsauskunftsstelle zuständig sind, gebe es in Großbritannien keine zentrale Instanz, an die er sich wenden konnte. "Ich bin nicht weitergekommen und hoffe nun auf Zeitzeugen, die mehr wissen."

Sein Großvater habe sein Interesse für das Thema geweckt. "Er war während des Kriegs in Tunesien und Ägypten im Einsatz und wurde schließlich von den Amerikanern in Tunis gefangen genommen. Das habe ich aber erst nach seinem Tod vor sechs Jahren bei der Wehrmachtsauskunftsstelle erfahren", sagt Posselt. "Mein Großvater hat nie über den Krieg gesprochen."

So wenig wie er über die Kriegserlebnisse seines Großvaters wusste, so wenig sei den Menschen heute über den Teil des Kriegs bekannt, der sich im Harz abspielte. Er möchte deshalb daran erinnern, dass in vielen Fällen das Leben eines jungen Menschen mit dem Absturz zu Ende ging. "Das Problem ist, dass sich niemand dafür verantwortlich fühlt, wenn es kein deutscher Pilot war", sagt er. "Bei der Kriegsgräberfürsorge heißt es, man habe alles geborgen. Damit sei das Thema erledigt." Für Alexander Posselt ist es das nicht.

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