Wernigerode l "Werter Herr Bürgermeister! Es würde mich sehr freuen, wenn es zu der Städtepartnerschaft zwischen Neustadt und Wernigerode käme." Als Hans Sondermann seinen Brief im Februar 1989 auf die Reise in den Westen schickte, ahnte er nicht, dass sich noch im gleichen Jahr die Grenzen zwischen DDR und Bundesrepublik öffnen würden. Der Wernigeröder konnte nicht wissen, dass er nur Monate später westdeutschen Boden betreten würde. Adressat seines Briefes war Dieter Ohnesorge, der damalige Rathauschef in Neustadt an der Weinstraße. Doch das Schreiben kam nie bei ihm an.

25 Jahre später ist Hans Sondermann der Brief wieder in die Hände gefallen. Durch Zufall. "Im September 2013 beantragte ich Einsicht in meine Stasiakte. Aus Neugier", sagt der 76-Jährige. Er sei davon ausgegangen, dass es eine Akte geben müsse. "Im Januar erhielt ich einen Anruf aus Magdeburg. Ich sollte persönlich vorbeikommen, das tat ich dann." 60 Seiten umfasste seine Akte. Und zwei Briefe. Einer davon an den Oberbürgermeister von Neustadt an der Weinstraße.

Sondermann fuhr mit der Wernigeröder Bürgerdelegation

"Ich weiß nicht, was die Stasi-Leute damals dazu bewogen haben könnte, den Brief nicht weiterzugeben", sagt der Rentner. "Es war eine bewegte Zeit." Inhalt seines Schreibens sei die geplante Städtepartnerschaft gewesen. Er hatte davon in der Zeitung gelesen. "Ich wünschte mir, dass sich ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen interessierten Bürgern beider Städte entwickelt. Freundschaft entsteht unter Menschen. Das wollte ich dem Bürgermeister mitteilen."

Im September 1989 unterzeichneten Vertreter aus Neustadt und Wernigerode die gemeinsame Partnerschaftsvereinbarung. Drei Monate später fuhren Hans Sondermann und seine Frau Ruth in die Pfalz - als zwei von knapp 100 Teilnehmern einer "Wernigeröder Bürgerdelegation".

Sondermann besucht Neustadt noch heute

"Ein unvergessliches Erlebnis", sagt der Rentner. Mit zwei großen Reisebussen ging es von Eckertal nach Neustadt. "Es war kurz nach der Wende, wir hatten kein Westgeld. Aber wir waren fasziniert von der Gastfreundlichkeit der Menschen und von dem vielen Wein." Bürgermeister Ohnesorge empfing die Gäste aus dem Osten im Feuerwehrhaus. "Überall standen Weingläser", erinnert sich Sondermann. Die Wernigeröder übernachteten bei Gastfamilien. "Wir waren bei Gertrud und Hubert Weber im Weindorf Königsbach untergebracht. Nette Leute, wir haben noch heute Kontakt." Mit vielen Gastgeschenken und unzähligen Eindrücken im Gepäck, kehrten die Sondermanns einen Tag später nach Hause zurück.

"Seither waren wir mehrfach in Neustadt. Privat, aber auch in größerer Runde mit dem Harzklub", so Sondermann. Die Partnerschaft habe sich so entwickelt, wie er es sich gewünscht hat. Die freundschaftlichen Bande unter den Menschen erfüllen sie noch immer mit Leben. "Und selbstverständlich trinken wir nur Wein aus Neustadt."

Den Brief von 1989 schickte Sondermann vor Kurzem erneut auf die Reise. Zwei Tage später lag er auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters - wenn auch 25 Jahre zu spät. Hans Georg Löffler, der Amtsnachfolger von Dieter Ohnesorge, habe sich herzlich bedankt. Das Schreiben werde nun im Neustadter Stadtarchiv aufbewahrt, informierte Löffler. Als "sehr interessantes Dokument zur Geschichte der Anfänge der Städtepartnerschaft zwischen Wernigerode und Neustadt vor nunmehr 25Jahren".