Venedig/Wernigerode l Thomas Kelley Ludwig ist ein Hansdampf in allen Gassen. Der 62-Jährige entwirft Stühle, malt großformatige Ölgemälde und reist durch die Welt. Immer wieder zieht es ihn zu seinen Wurzeln zurück - nach Wernigerode.

Fünf Jahre hat der gebürtige Jessnitzer in der bunten Stadt am Harz verbracht. "Ich bin 1969 wegen eines Mädchens hergezogen", erinnert sich Thomas Ludwig - der Namen Kelley stammt von seiner zweiten Frau, einer Amerikanerin.

Als seine Eltern starben, suchte Thomas Ludwig einen Neuanfang. Mit seiner Frau und den Schwiegereltern lebte er in der Kohlgartenstraße, arbeitete in der Fotopapierfabrik und ging zur Abendschule. Sein Ziel: ein Kunststudium.

Doch dazu kam es nicht: Wegen "mangelhafter sozialistischer Persönlichkeitsentwicklung" wurde ihm die Zulassung verwehrt. "Rückblickend wundert es mich, dass ich nicht schon eher belangt wurde", sagt Thomas Kelley Ludwig. Denn angeeckt ist er häufig - etwa mit Protestflugblättern, die er durch den Schornstein eines Hauses fliegen ließ oder auf Busse legte. Der Hintergrund: In Wernigerode herrschte Wohnungsnot, auch Thomas Ludwig fand mit seiner jungen Familie keine Bleibe - Tochter Jeannine wurde 1972 hier geboren. Damals war die Neubausiedlung Burgbreite im Entstehen. "Der Acker, auf dem gebaut wurde, gehörte eigentlich meinen Schwiegereltern", erinnert er sich. Doch die Arbeiten erlahmten - die Verstärkung der Grenzanlagen am Brocken hatte Vorrang. "Dagegen wollte ich protestieren", sagt der Künstler.

Andere Aktionen waren eher verspielt - ein Bauzelt mitten auf der Breiten Straße, darin ein Tonbandgerät, dass in Endlosschleife das Geräusch eines Presslufthammers abspielte. "Am nächsten Tag hat die Volkspolizei den Verkehr drumherum geleitet, weil sie dachten, es ist eine Baustelle."

Als ihm das Studium verwehrt wurde und sein Leben ihm über den Kopf wuchs, wollte Thomas Ludwig weg. Er unternahm einen abenteuerlichen Fluchtversuch via Ungarn und Jugoslawien. Die Folge: sieben Monate Untersuchungshaft in Magdeburg, Verurteilung in Wernigerode zu zwei Jahren und acht Monaten Haft - "eine Farce", sagt der Künstler: "Der Stasimann brachte das Urteil in der Aktentasche mit." Zweieinhalb Jahre saß er in Cottbus ab. "Dort habe ich mich zum ersten Mal frei gefühlt." Mit anderen Häftlingen - Regisseuren, Kameramännern, Pianisten - konnte er ohne Vorbehalte reden, begann zu malen und zu schreiben.

1976 kaufte ihn die Bundesregierung frei. Thomas Ludwig gelangte über das Aufnahmelager in Gießen nach Westfalen, studierte in Aachen Grafikdesign und später an der Akademie der bildenden Künste in München. 20 Jahre lang war Thomas Kelley Ludwig vor allem Designer, seine funktionellen Stühle verkaufen sich weltweit. Häufig pendelte er wegen der Arbeit nach Italien, seit 15 Jahren lebt er in Venedig. Von dort bereist er Europa und die Welt - Kreta mit dem Fahrrad, Griechenland per Motorrad. Längere Zeit verbringt er in Kalifornien und Indonesien. Seit Kurzem bannt er seine Eindrücke wieder auf Leinwand - ihn interessieren Landschaften, nicht Porträts.

Doch die alte Heimat lässt ihn nicht los. Vor drei Jahren unternahm er mit der Familie einen Ausflug nach Wernigerode, sah sich in der Stadt um und fuhr mit der Harzer Schmalspurbahn. "Ich wollte meinen Kindern meine Geschichte bebildern", erklärt Thomas Kelley Ludwig. Das Haus in der Kohlgartenstraße fand er nicht. "Das ist nicht mehr da."

 

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