Kühne Piloten, stolze Kapitäne und halsbrecherische Rennfahrer haben am Donnerstag den Wernigeröder Bürgerpark erobert. Der 4.Modellbautag weckte wieder das Kind im Mann. 1900 Besucher erlebten eine rundum gelungene Veranstaltung - bis das Fest mittags im Regen versank.

Wernigerode l Manfred Grußdorf blickt gen Himmel. Der Quedlinburger verfolgt mit seinen Augen einen Helikopter hoch über dem Wernigeröder Schreiberteich. Blitzschnell dreht sich der Hubschrauber um die eigene Achse, dann rast er Richtung Teich, dreht kurz vor der Wasseroberfläche ab und entschwindet flugs in luftige Höhen. Er ist nur noch ein winziger Punkt in der Ferne, als er scheinbar ins Trudeln gerät.

Den Gästen des Modellbautages im Wernigeröder Bürgerpark stockt für einen Moment der Atem - bis sich der Hubschrauber wieder fängt und in kunstvollen Schleifen quer über den Teich gleitet. Applaus. "Dieser Flugstil ist unverwechselbar", sagt Manfred Grußdorf, immer noch den Helikopter im Blick. Bewunderung schwingt in seinen Worten mit. "Ich habe sofort erkannt, wer den Hubschrauber steuert. Er hat seine ganz eigene Handschrift." Es ist Jens Seiboth. Der 43-Jährige steht am Rand des Teichs und hält eine Fernbedienung in den Händen. Seiboth ist in Nordhausen Fluglehrer für Modellhubschrauber. Sein Exemplar wiegt rund fünf Kilo und ist 2500 Euro wert.

Vor mehr als 20 Jahren hat Jens Seiboth seine Leidenschaft für Modellhubschrauber entdeckt, erinnert er sich im Volksstimme-Gespräch. "Es ist anspruchsvoll, verbindet Technik und Flugkunst", erklärt er.

Seine ersten Modelle wurden noch mit Benzin angetrieben. Einen Hubschrauber zu steuern, gilt als Meisterdisziplin unter den Modellfliegern. Es zu lernen, das gehe auch ins Geld, sagt der Nordhäuser. "Natürlich ist auch schon mal einer abgestürzt", räumt er ein. "Und wenn einer herunter fällt, ist der Schaden groß." Sieben Hubschrauber nennt er sein Eigen.

Manfred Grußdorf und Jens Seiboth kennen sich von verschiedenen Modellbautreffen in Deutschland. Die Szene sei klein, erklären beide. "Ich bin das erste Mal beim Modellbautag im Bürgerpark dabei", sagt Grußdorf, der seine Flugzeuge diesmal zuhause gelassen hat und nur als Zuschauer unterwegs ist. "Normalerweise bin ich am 1. Mai immer beim Wasserflugtreffen in Plau am See."

Nachdem die spektakuläre Flugshow von Jens Seiboth beendet ist, lassen die Modellschiffbauer ihre Boote wieder über den Schreiberteich segeln. Vor der idyllischen Kulisse legt der Wernigeröder Ralph Weber das letzte Mal Hand an sein leuchtend rotes Löschboot. "Das Schiff stand viele Jahre im Keller", sagt er. "Erst diese Woche habe ich es wieder herausgeholt." Einige Funktionen seien außer Betrieb, er wolle es dennoch zu Wasser lassen.

Über zehn Jahre ist es mittlerweile her, da entdeckte er auf dem Dachboden ein kleines Holzboot, erinnert sich Weber. "Das hatte ich als Kind mit meinem Vater gebaut", sagt er. "Es war aus DDR-Zeiten und verfügte über keine Fernsteuerung." Aus dem einfachen Holzboot baute er zunächst ein Kajütboot, dann eine Yacht. "Das Bauen hat mir riesigen Spaß gemacht. Dann habe ich mir Rennboote angeschafft, die waren mir dann aber zu schnell." Er setzt das Schiff in den Teich. Aus der Ferne erklingt ein Donnergrollen.

Trotz wolkenverhangenem Himmel und Regenvorhersage standen die Besucher am Donnerstagmorgen Schlange. Für die Veranstalter - die Park und Garten GmbH - eine Überraschung. "Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet", sagt Sandra Pech vom Team der Park und Garten GmbH.

Seit September hatte sie das Treffen vorbereitet, an dem sich 150 Aussteller beteiligen. Mit Puppenhäusern, ferngesteuerten Trucks und Autos, Modellzügen, Segelschiffen und Rennbooten sind die Bastler und Modellbaufreunde in den Park gekommen.

Unter das Publikum haben sich auch Ludwig Hoffmann und seine Frau Rosemarie gemischt. "Das Gelände erfreut mich immer wieder", sagt Wernigerodes ehemaliger Oberbürgermeister. Toll finde er, dass sich der Bürgerpark dauerhaft so gut entwickelt habe und mittlerweile so viele Familien in den Park kommen.

Als damaliges Stadtoberhaupt hatte Hoffmann (SPD) den Aufbau des Bürgerparks für die Landesgartenschau 2006 maßgeblich vorangetrieben. Sein Lieblingsplatz im Park sei die Wasserinsel. Den schönsten Blick auf das Kleinod im Schreiberteich habe man von einer großen Bank aus, die direkt gegenüber steht. Die Bank war ein Geschenk zu seinem 70.Geburtstag, er hat sie dem Park gestiftet. "Es gibt ein paar Dinge, an denen man mit Herzblut hängt - dazu zählt der Bürgerpark", sagt er.

Um 12.30 Uhr beginnt es, zu regnen. Aus einigen Tropfen wird ein kräftiger Schauer, viele Gäste verlassen das Gelände. "Leider haben wir wegen des Regens nur 1900 Besucher gezählt", resümiert Park-Chefin Marlies Ameling. "So viel Arbeit und so ein Pech. Aber alle haben gesagt, sie kommen wieder."

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