Wernigerode l Fast ungebremst biegt ein schwarzer BMW vom Dornbergsweg in den Seigerhüttenweg ein. Wolfgang Strauhs muss bremsen. Der Kreisvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradvereins (ADFC) ist mit dem Fahrrad auf dem gemeinsamen Rad- und Fußweg am Dornbergsweg unterwegs. Der Autofahrer hätte ihm Vorfahrt gewähren müssen, was ihn offenbar nicht interessierte.

Weiter vorn fahren der ADFC-Vizevorsitzende Michael Wisse und Wernigerodes Fahrradbeauftragte Bianca Cöster auf demselben Weg. Sie haben es noch vor dem BMW über die Ampel geschafft. "Der Dornbergsweg ist ein echter Problemfall", sagt Bianca Cöster. Fahrräder würden von Rechtsabbiegern schlecht gesehen und Fußgänger seien durch Fahrräder gefährdet, ergänzt Wolfgang Strauhs. Wie zum Beweis springt eine Frau, die an einer Haltestelle auf den Bus wartet, vor den Radlern zur Seite.

Eine Herausforderung hält der Kreisverkehr Dornbergsweg/Im Langen Schlage bereit: Wie sollen sich Fahrradfahrer hier regelgerecht verhalten? Zwischen dem Real-Supermarkt und dem Kreisverkehr sei der Gehweg in beide Richtungen für Fahrräder freigegeben, sagt Bianca Cöster. Nur fehlt das entsprechende Schild. Radfahrer müssten daher stadteinwärts auf der Straße fahren und dort auch im Kreisverkehr bleiben. "Das Fahrrad ist wie ein Auto zu behandeln", sagt Wolfgang Strauhs.

Am Kreisel Schmatzfelder Chaussee/Dornbergsweg benötigen Autofahrer wenige Sekunden für die Umrundung. - Radfahrer hingegen mehrere Minuten. Sie müssen den Fußweg nutzen und ausfahrenden Autos Vorfahrt gewähren. Bianca Cöster, Michael Wisse und Wolfgang Strauhs warten. Eine Lücke in der Autokolonne ist nicht in Sicht. Wären nicht der Lkw- und ein auswärtiger Autofahrer, die den Radlern Vorfahrt gewähren, die Umrundung des Kreisels hätte viel mehr Zeit beansprucht.

Für Autofahrer sind Radler oft schlecht zu sehen

Auf der Rückfahrt im Dornbergsweg kommt die Radlergruppe am Mercedes-Autohaus an. Der Rad-/Fußweg wird an dieser Stelle in eine Seitenstraße hineingeführt, bis ein abgesenkter Bordstein die Querung erlaubt. "Das ist keine Lösung", sagt Bianca Cöster zu dieser gefährlichen Wegführung. "Man kann den Autofahrern keinen Vorwurf machen", sagt Michael Wisse. Wegen der Straßenführung würden sie Radfahrer nicht rechtzeitig sehen können. Sichtlich geschafft vom Lärm und von der Unsicherheit, die von Grundstücksausfahrten, Rechtsabbiegern und Fußgängern auf dem Weg ausgeht, setzt die Gruppe ihre Radtour fort.

Nächstes Ziel: Krankenhauskreuzung. Zunächst teilen sich Fuß- und Radfahrer den Weg in der Alten Poststraße - bis zum Waldhofbad. Dort endet der Weg für Radfahrer plötzlich, sie müssen auf die andere Straßenseite wechseln. Dichter Verkehr und keine Lücke in Sicht - die Radfahrer entscheiden sich, weiter den Fußweg zu nutzen. Würden sie erwischt, droht eine Strafe von 15 Euro. Ohnehin hätte sich die gefährliche Querung nicht gelohnt: Der Rad- und Fußweg auf der anderen Straßenseite ist keine hundert Meter lang."Eine besonders sinnlose Regelung", sagt Bianca Cöster.

Moderne Fahrradstreifen sind die Ausnahme

In der Ilsenburger Straße Richtung Westerntor geht es für die Gruppe zum ersten Mal zügig voran. Nachdem sie eine Ampel überquert haben, fahren sie auf der Straße, denn es existiert kein gemeinsamer Fuß- und Radweg. Die Reifen auf dem Asphalt surren bei Geschwindigkeiten um die 30 km/h - bis zur Westerntorkreuzung. Dort eröffnet sich den Experten eine besonders skurrile Situation. "Seit Jahren beschäftigen wir uns mit diesem Schild", sagt Wolfgang Strauhs und zeigt auf das in Wernigerode weit verbreitete blaue Zeichen mit dem Fahrrad- und dem Fußgängerpiktogramm. Radfahrer sollen in der Westernstraße auf einem weniger als zwei Meter breiten Weg fahren, an Fußgängern, an Ladeneingängen und Hofausfahrten vorbei.

Solche gemeinsamen Fuß- und Radwege sind zahlreich, moderne, farbig markierte Fahrradstreifen auf der Fahrbahn die Ausnahme. Auch im Mühlental findet sich der gemeinsame Rad-/Fußweg. 30 Stundenkilometer lassen sich hier bergab ohne zusätzliches Treten erreichen. Stattdessen heißt es jedoch Bremsen. Hinter Ausfahrten, Straßeneinmündungen und parkenden Autos lauern viele Gefahren. Und plötzlich ist der Weg zu Ende. "Bitte lösen Sie sich auf, sofort", witzelt Wolfgang Strauhs über das Schild, das das Ende anzeigt. Immerhin geht es jetzt wieder in zügiger Fahrt auf der Straße voran.

Neben all den Fuß- und Radwegen, unsicheren Wegführungen und Zwängen zu Ordnungswidrigkeiten finden Radfahrer in Wernigerode auch Gutes: Wisse und Strauhs verweisen auf die Radspuren an der Stadtecke, die Fahrradfahrer in alle Richtungen schleusen.

Fahrradstraße ist ein guter Anfang

Auch die Promenade, eine Fahrradstraße, sei ein Anfang. Dort, wo jetzt Autokolonnen die Baustelle Nöschenröder Straße umfahren, haben sonst Radler Vorrang. Viele Wernigeröder würden die Regeln in der Fahrradstraße aber nicht kennen, sagt Wisse. Hupen, Vorbeidrängeln und Geschwindigkeiten von mehr als 30 km/h seien tabu. Sinnvoll sei eine Fahrradstraße sowieso erst, wenn die jetzigen 200 Meter in der Promenade deutlich erweitert würden.