Oh là là: Mit Sarah Piper könnte erstmals eine Französin in den Wernigeröder Stadtrat einziehen. Die 45-jährige Hochschuldozentin aus Le Mans hält nicht viel von Politikern, die für ihr Ego arbeiten. Wichtig findet sie, auch mal "anders zu denken".

Wernigerode l In Wernigerode wird am 25. Mai ein neuer Stadtrat gewählt. Auf den Wahlzetteln stehen viele Namen, darunter auch der von Sarah Piper. Mit ihr könnte erstmals eine ausländische EU-Bürgerin in dem Gremium mitmischen.

Pardon? Oui - Sarah Piper, geborene Cordier-Lallouet stammt aus der französischen Automobil-Metropole Le Mans, der Heimat des 24-Stunden-Rennens. 130000Einwohner, Standort der Renault-Werke, inmitten des Pays de Loire. "Einö seeer indüstrielle Stadt", wie sie sagt. Dass sie Französin ist, wird schon beim ersten Wort aus ihrem Mund deutlich. Sarah Piper "spriescht mit diesä ünvärwechsölbarö französischö" Akzent.

Das klingt in erster Linie süß, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die 45-Jährige eine gestandene Frau ist. "Ich fühle mich wohl, ich bin selbstbewusst und ich weiß, was ich will und was ich nicht will", sagt sie im Volksstimme-Gespräch.

Die Französischdozentin arbeitet sie seit Oktober 1996 an der Hochschule Harz. "Als ich das erste Mal nach Wernigerode kam, war alles in herbstliche Farben getaucht. Es war wunderschön", erinnert sie sich. "Ich war gerade einmal 28 Jahre alt, manche Studenten waren älter als ich. Ich kannte alle mit Vornamen." Unzählige Anekdoten kann Sarah Piper über ihre Anfangszeit erzählen. "Ich habe jeden Tag 100 Fauxpas gemacht", sagt sie und lacht.

Einmal sei die Dozentin zu spät zu einer Vorlesung erschienen. "Ich habe den Studenten gesagt, dass ich noch ein Rendezvous mit dem Professor des anderen Fachbereichs hatte. Sie tuschelten und sagten dann: Typisch Französin!" Nach der Vorlesung klärte sie eine Studentin auf, dass es sich bei einem "Rendezvous" im Deutschen um ein explizit romantisches Treffen handelt. "Ich war völlig überrascht. In Frankreich sagt man das zu jedem Meeting."

Noch heute werde sie täglich mit Klischees konfrontiert. Und: Ist was dran an dem berühmten Bild mit Baskenmütze, Rotwein und Baguette? "Ich trinke sehr gerne Rotwein aus meiner Heimat, der Loire-Region", verrät sie. "Baguette - mein Freund nennt es Krümelbrot - gehört immer auf den Tisch. Aber die Baskenmütze, die setze ich nur im Winter auf. Sieht richtig chic aus." Frankreich - das sei ein Stück ihrer Identität.

Mittlerweile lehrt Sarah Piper interkulturelle Kompetenz und interkulturelles Management. Ihren Studenten legt sie ans Herz, auch mal "anders zu denken" und nicht nur in Schwarz und Weiß. Dass man flexibel und kompromissbereit an Lösungen arbeiten kann, will sie im Wernigeröder Stadtrat beweisen. "Ich habe mich schon immer für Lokalpolitik interessiert. Seitdem ich Kinder habe, fühle ich mich wie eine echte Wernigeröderin."

Für ihren zwölfjährigen Sohn und ihre 15 Jahre alte Tochter ist Wernigerode die Heimat. Ihre Kinder sind zweisprachig aufgewachsen, "aber durch und durch deutsch", sagt sie. Sie selbst werde auch immer deutscher, dazu zählt sie auch ihre mittlerweile vorbildliche Pünktlichkeit. "Meine Eltern meinten neulich, dass ich etwas strenger geworden bin."

Im Herbst habe Kevin Müller, der SPD-Vorsitzende in Wernigerode, sie gefragt, ob sie für die Partei bei der Stadtratswahl antreten möchte. "Ich habe mir viel Zeit genommen für die Entscheidung, denn es ist eine große Verantwortung, die man übernimmt. Ich wollte erst alle Akteure kennenlernen."

Nach einigen Wochen fiel die Entscheidung - vor allem wegen der Gleichstellungspolitik, für die die SPD im Bund eintritt. "Die Frauenquote ist mir wichtig. Es ist die einzige Möglichkeit für Frauen, gleichberechtigt Verantwortung zu übernehmen", sagt sie.

Die Werke der französischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir kennt Sarah Piper gut. Auch sie fühlt sich als Feministin. Vor fünf Jahren hat sie den "International Women`s Club" in Wernigerode gegründet. In dem Netzwerk knüpfen Frauen Kontakte und tauschen sich aus. "Man trifft dort Menschen, die offen sind und aus anderen Kulturkreisen kommen", sagt sie. Aus Südafrika, Mexiko, Kolumbien, Spanien, Slowenien, Großbritannien und den Niederlanden stammen die Mitglieder des Clubs.

Wird sie in den Stadtrat gewählt, will sie vor allem unbefangen nach Vernunft und Gewissen entscheiden. "Ich bin nicht der Typ, der für das eigene Ego arbeitet", sagt sie.

Interessieren würde sie die Mitarbeit im Kultur- oder Sozialausschuss. "Auch Bau- und Finanzausschuss sind spannend, aber ich möchte natürlich den kompetenten und erfahrenen Kollegen in der Fraktion als Neuling den Vortritt lassen." Die Entwicklung im Ortsteil Schierke findet sie wichtig. "Ich finde, wir sollten neue Perspektiven für den Ort wagen und offensiver rangehen."