Alles begann mit der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk. Einen Stammbaum wollte Margarete Jurkowski-Potutschek für ihren Großonkel erstellen. Doch dann ließ sie die Begeisterung für die Famlienforschung nicht mehr los.

Wernigerode l Stapel alter Bücher, Blattsammlungen und jede Menge Fotos bestimmen das Arbeitszimmer von Margarete Jurkowski-Potutschek. Zwar ist die Lehrerin für Deutsch und Kunst längst pensioniert, ein Büro benötigt sie dennoch.

Margarete Jurkowski-Potutschek betreibt Ahnenforschung. Geld möchte sie damit nicht verdienen, sie versteht es vielmehr als Hobby. Ein faszinierendes Hobby, denn die gebürtige Leipzigerin kann stundenlang von den Quellen und Hilfsmitteln der Ahnenforscher - Kirchenbücher, Gerichtsurkunden und Online-Datenbanken - erzählen.

Mit der Ahnenforschung hat sie vor 20 Jahren angefangen. Damals stand der 80. Geburtstag eines Großonkels aus den alten Bundesländern an, der vor der Wende regelmäßig Geschenke in die DDR geschickt hatte. Jetzt wollte Margarete Jurkowski-Potutschek ihrem Verwandten eine Freude bereiten. "Kaufen konnte man in Ost und West ja alles, also habe ich mir etwas Besonderes ausgedacht." Der Großonkel sollte einen Stammbaum erhalten. "Familienforschung hat nach der Wende einen Aufschwung erfahren, da die Quellen problemlos zugänglich wurden", sagt die Forscherin.

In Rückmarsdorf in der Nähe von Leipzig begann Margarete Jurkowski-Potutschek die Recherchen zur eigenen Familie. Viele Kirchenbücher lagen mittlerweile im zentralen Kirchenarchiv in Leipzig. "Dort habe ich eine Einführung in die Tücken der Kirchenbücher erhalten", sagt Margarete Jurkowski-Potutschek. Viel ist sie in der Region Leipzig herumgekommen, immer auf der Suche nach Dokumenten, die Aufschluss über ihre Vorfahren liefern. Zum Geburtstag ihres Großonkels hatte sie ihr Ziel erreicht: Einen Stammbaum, der vier Generationen abdeckt. Damit war das Geschenk gesichert - und die Begeisterung für die Ahnenforschung geweckt. Margarete Jurkowski-Potutschek begann weiter in die Vergangenheit ihrer Familie zurückzugehen.

Dabei stieß sie zunehmend auf Quellenprobleme: "Standesamtliche Eintragungen gibt es erst ab 1876", sagt sie. Für die Zeit davor blieben vor allem die Kirchenbücher. Diese reichen allerdings nur bis in die Jahre nach der Reformation zurück. Der älteste Band, mit dem Margarete Jurkowski-Potutschek gearbeitet hat, stammt von 1540. Davor klafft eine große Lücke, da die protestantischen nicht mit den katholischen Kirchenbüchern verbunden sind. Kriege und Brände hätten ihr Übriges zur Quellenvernichtung beigetragen, sagt sie.

"Bei meinen Ahnen bin ich am Rande des Möglichen angekommen."

Trotzdem ist es ihr gelungen, die Linie ihrer Großmutter bis in das Jahr 1500 zurückzuverfolgen. Die Geburtsdaten der sehr frühen Verwandten musste sie allerdings schätzen. "Bei meinen Ahnen bin ich jetzt am Rande des Möglichen angekommen", so die Pensionärin.

Heraus kam, dass ihre Vorfahren nicht sehr mobil waren. "Die Herkunft meiner Ahnen beschränkt sich auf Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg", sagt sie. Unter den Vorfahren seien auch böhmische Glaubensflüchtlinge, die im 17. Jahrhundert an der Gründung von Johanngeorgenstadt im Erzgebirge beteiligt waren - eine für diese Flüchtlinge errichtete Siedlung. Der soziale Status ihrer Vorfahren sei hingegen sehr vielfältig gewesen: "Ich habe ganz arme Vorfahren, vor allem im heutigen Brandenburg. Ich habe auch wohlhabende Glashüttenbesitzer, ein Pfarrer und ein Bürgermeister sind auch dabei."

Mit ihren Forschungen möchte Margarete Jurkowski-Potutschek kein Geld verdienen und für andere Stammbäume erstellen. Stattdessen arbeitet sie mit Ahnenforschern an gemeinsamen Projekten, die über die eigene Familie hinausgehen. Eine eingeschworene Gemeinschaft habe sich mit der Zeit entwickelt, sagt sie. Mit einem anderen Forscher zusammen habe sie vier Jahre lang an Regesten (Zusammenfassungen) aus Gerichtsbüchern der Frühen Neuzeit gearbeitet. Gerichtsbücher stellen neben den Kirchenbüchern eine zweite wichtige Quelle dar, da in ihnen zum Beispiel Erbvorgänge festgehalten sind.

"Ich erfahre viel darüber, wie die Menschen gelebt und gehandelt haben"

Doch welchen tieferen Sinn hat die Ahnenforschung, wenn erst einmal der eigene Stammbaum rekonstruiert ist? Einige Historiker würden sie gering schätzen, sagt Margarete Jurkowski-Potutschek. Dabei gehe es um mehr als die bloße Rekonstruktion des Gewesenen. "Ich erfahre viel darüber, wie die Menschen gelebt und gehandelt haben", sagt sie. Damit könne die Ahnenforschung einen Beitrag zur Kulturgeschichte leisten.