Wernigerode. Mit zwei Stammtischweisheiten begrüßte Peter Gaffert seine rund 340 Gäste zum 20. Neujahrsempfang im Wernigeröder Rathaus. Um sie dann gleich zu widerlegen. Der Oberbürgermeister: "Männer reden im Schnitt 16 000 Worte pro Tag. Also nicht weniger und nicht mehr als Frauen." Das hätten Wissenschaftler bewiesen.

Die zweite "Weisheit" – dass Politiker nur reden und nicht handeln würden, "wird durch Wernigerode widerlegt", erklärte Gaffert und erhielt bereits nach wenigen Worten den ersten Beifall für seine Rede.

Insgesamt, schätzte Gaffert ein, sei das Vorjahr trotz unausgeglichenen Haushalts ein positives gewesen. Allein die Stadt und ihre Tochterunternehmen hätten fast 20 Millionen Euro in Bauvorhaben investiert. Dafür dankte er den Mitarbeitern, auch den Firmen und vielen rastlosen Wernigerödern, für deren Engagement, dem Bund und Land für großzügige Konjunkturpakete, Abwrackprämien und Kurzarbeitsregeln.

Zu den Höhepunkten in Wernigerode gehörten auch die Fußball-Weltmeisterschaftsfeste auf dem Nicolaiplatz, wobei die Stadt, wie Gaffert verglich, die eigene Mannschaft um 1500 Bürger aufgestockt habe. Reddeber und Schierke sind seit 2010 Teil von Wernigerode.

Den Einwohnern der "alten" Ortsteile versicherte er, sie nicht zu vergessen, betonte allerdings, dass ein eingemeindetes Kleinod Priorität haben werde. Das Stadtoberhaupt: "Schierke ist kein Anhängsel von Wernigerode, sondern eine Chance". Weg vom Image des "verschlafenen Ortes bei den Schnarcherklippen", hin zum "herrlichen Kurort am Fuße des Brockens". Der Stadtrat habe das Konzept dafür fast einstimmig befürwortet.

Kritik übte Gaffert am Vorschriftenwahn in Deutschland. Speziell an neuen Brandschutzanforderungen, die forderten, dass Jahrhunderte alte Gebäude wie Schulen, Kindergärten, Hotels mit monströsen stählernen Flucht-Treppen ausgerüstet werden müssen. "Wir wollen den Brandschutz nicht vernachlässigen, aber Augenmaß."

Mit Sorge blicke der Oberbürgermeister auf die Landtagswahl. "Leider gehen immer weniger Menschen wählen, sie reden lieber am Stammtisch." Nicht-Wählen spiele jedoch extremen Kräften besonders am rechten Rand in die Hände.

Was können die Wernigeröder von 2011 erwarten? Die Friedrichstraße wird endlich weiter saniert, der Turbokreisel "Lindenallee" begonnen, ein Industriegebiet soll an der Schmatzfelder Chaussee erschlossen werden. Kaum von der Autobahn entfernt, ideal für eine Firmenansiedelung.

Gaffert: "Vielleicht bieten wir bald wieder ein ganz eigenes, unverwechselbares Erkennungszeichen.", Ein 52 mal 11 Zentimeter großes Blechschild fürs Autos mit den so liebgewordenen Buchstaben WR. "Wenn auch noch so viele Leserbriefschreiber aus anderen Städten wettern: 96 Prozent der Umfrage-Bürger irren nicht!"

Insgesamt will die Stadt in diesem Jahr 21 Millionen Euro investieren, auch in Kindergärten und Schulen, ins Schiefe Haus, Walpurgisfeier, Brahms-Chorfestival und und und …

Gaffert dankte den Landespolitikern für zugesagte Fördergelder. Diese bekomme Wernigerode jedoch nur unter einer Voraussetzung: "Wir müssen handeln und dürfen es nicht beim Reden belassen." In diesem Sinne grüßte der Oberbürgermeister alle Stammtische und freute sich nach 33-minütiger Rede auf ein Bier.