Erika Schmidt hat am Mittwoch ihren 106. Geburtstag in Wernigerode mit Familie und zahlreichen Gratulanten gefeiert. Sie ist die älteste Bürgerin der Stadt - und die viertälteste in Sachsen-Anhalt. Hinter der ehemaligen Lehrerin liegt ein bewegtes Leben, das am 28.Mai1908 im lettischen Riga begann.

Wernigerode l Die 15-jährige Isa Fischer aus Blankenburg ist stolz darauf, eine außergewöhnlich betagte Ur-Großmutter zu haben: Erika Schmidt hat am Mittwoch ihren 106.Geburtstag gefeiert. Damit ist sie die älteste Wernigeröderin und viertälteste Sachsen-Anhalterin. Isa und ihr Cousin Benjamin (15) wurden für den Geburtstag von der Schule freigestellt. "Das ist ja auch etwas Besonderes", sagt ein weiterer Ur-Enkel, der 24-jährige Tim Fischer. Nur Ur-Enkel Danilo (30) fehlt in der Geburtstagsrunde.

Ansonsten sind alle da: die 79 Jahre alte Tochter Renate Künne, die 46-jährige Enkelin Beate Künne - sie verrät, dass auch Bundespräsident Joachim Gauck mit einem Brief an ihre "kleine Oma" gedacht hat - und auch Peter Gaffert ist mit Blumen und besten Wünschen vom Landrat zum Gratulieren gekommen.

Der bewegte Lebensweg von Erika Schmidt ruft bei Wernigerodes Oberbürgermeister (parteilos) Erinnerungen an die eigene Familiengeschichte wach. "Vieles kenne ich von meiner Mutter", sagt er, als ihm Renate Künne berichtet, wie ihre Eltern in den Wirren des Zweiten Weltkriegs aus Polen vor den russischen Truppen fliehen mussten. "Meine Mutter ist damals aus dem Sudetenland vertrieben worden", sagt Gaffert.

Für Erika Schmidt ist der Trubel um ihren hohen Geburtstag anstrengend. "Wir passen auf unsere kleine Oma auf", sagt Renate Künne und legt schützend den Arm um ihre Mutter. "Es ist schön, dass wir noch mit ihr spazieren gehen können. Wir schlendern auch gerne mal durchs Kaufland."

Selbst kann Erika Schmidt ihre Geschichte nicht mehr erzählen, doch Tochter Renate erinnert sich gut an die vielen Etappen: Erika Schmidt wird als Erika Weinert am 28.Mai1908 im lettischen Riga geboren. Damals sind rund zehn Prozent der Bevölkerung Rigas Deutsche. In Riga besucht sie eine russische Schule und absolviert das Abitur. "Das Abitur zu machen, war für ein Mädchen sehr ungewöhnlich zu dieser Zeit", sagt Renate Künne.

1930 heiratet Erika Weinert den Konditor Ludwig Schmidt. Das einzige Kind ist Tochter Renate. Sie erblickt 1934 in Riga das Licht der Welt. Durch den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 wird das Baltikum und damit auch Lettland der sowjetischen Einflusssphäre zugewiesen. Als Renate fünf Jahre ist, verlassen ihre Eltern gemeinsam mit dem Großvater Lettland und ziehen nach Posen. Sechs Jahre lebt die Familie dort, dann erobert die Rote Armee die Stadt. Die deutsche Bevölkerung wird vertrieben, auch Familie Schmidt flüchtet vor den russischen Truppen.

"Wir wollten nach Süddeutschland fliehen", erinnert sich Renate Künne. "Ausgerechnet am 13. Februar sind wir auf unserem Weg in Dresden angekommen, um Verwandte zu besuchen." Es ist ein tragischer Zufall - denn die Familie erlebt die Nacht jener Luftangriffe, die Dresden in Schutt und Asche legen.

"Mein Vater, meine Mutter und ich sind beim ersten Bombenangriff durch den Großen Garten geirrt. Beim zweiten lagen wir eine dreiviertel Stunde lang unter einer Brücke und haben bei Eiseskälte ausgeharrt. Aber wir haben überlebt." Den Großvater, Erika Schmidts Vater, sucht die Familie später vergeblich. Er stirbt bei den Angriffen.

"Ich hatte nur ein Kleid an, wir hatten nicht einmal einen Mantel", erinnert sich Renate Künne. Als sie am 8. Mai hört, dass der Krieg beendet ist, wird die Familie von den Emotionen überwältigt. In Königstein baut sie sich ein neues Leben auf. "Dann hat mein Vater eine Stelle in Güstrow als Konditor bekommen. Das war für uns sehr schön."

Kurz darauf erlebt die Familie eine Überraschung. Bei einem Spaziergang durch Warnemünde erblickt Erika Schmidt ihren verloren geglaubten Onkel Otto. Er war in Rostock untergekommen und arbeitete als Dolmetscher. Nach dem Krieg absolviert Erika Schmidt ein Fernstudium und wird Lehrerin für Russisch an der Goethe-Sekundarschule in Güstrow. "Zu ihrem 100. Geburtstag waren auch Schüler zu Besuch", sagt Renate Künne, die selbst als Ärztin im Wernigeröder Gesundheitsamt tätig war. Seit 2007 wohnt sie mit Mutter Erika in einer Wohnung im Veckenstedter Weg.

In Güstrow hat Erika Schmidt nahezu die Hälfte ihres Lebens verbracht. 1972 stirbt ihr Mann Ludwig, sie heiratet nie wieder. Tochter Renate Künne zieht der Liebe wegen 1959 nach Wernigerode, hier werden auch ihre drei Kinder geboren. Für die Familie ist die Barlachstadt Güstrow heute noch die zweite Heimat, haben sie dort stets Ferien und Feiertage bei der als besonders tierlieb bekannten Oma Erika erlebt.

"Sie ist gut aufgehoben in der Familie", sagt Schwester Sabrina Krebs. Seit anderthalb Jahren hilft sie bei der Betreuung. Es sei etwas Besonderes, so ein hohes Alter zu erreichen. "Meine eigene Oma ist 101 Jahre alt. Wir haben viel darüber erzählt."

Wie wird man so alt? "Sie hat sich immer gut ernährt und ist viel geschwommen", sagt Enkeltochter Beate. "Und sie hat ein starkes Herz."

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