Warum zog es die Menschen schon vor 300Jahren auf den Brocken? Was erwartete sie zu jener Zeit auf dem Bergplateau? Wie entwickelte sich der Brocken zum Tourismusmagneten? Darüber und über vieles mehr gibt die Ausstellung "Die Entdeckung und Eroberung eines Berges" Aufschluss.

Wernigerode l Undurchdringliche Wildnis, beschwerliche Aufstiege, Bodennebel, der einem die Sicht raubt, und in der Ferne Wolfsgeheul. Wer vor 300 Jahren den Brocken bezwingen wollte, brauchte nicht nur Kondition, sondern auch starke Nerven. In der Tat waren es Abenteurer, aber auch viele Wissenschaftler, die es in die wilde und unwegsame Gegend rund um den höchsten Harzgipfel zog. Erst nach und nach entwickelte sich der Brocken zum Tourismusmagneten.

Aufschluss darüber gibt die Ausstellung "Die Entdeckung und Eroberung eines Berges", die der Historiker Dr. Uwe Lagatz zusammen mit der Museologin Claudia Grahmann konzipiert hat. "Das Thema Harztourismus wurde bisher historisch kaum bearbeitet", so Lagatz. Es sei allgemein bekannt, dass Goethe und Heine das Gebirge bereisten, wie es "normalen" Touristen dabei erging, jedoch nicht. Das war für den Historiker vor drei Jahren Startschuss für sein Buch- und Ausstellungsprojekt "Hercynia Curiosa". "Damals haben wir festgestellt, dass es unglaublich viel unveröffentlichtes Material zum Brocken gibt." Die Originalgrafiken, Karten und dazu unzählige interessante Fakten sind nun in der Galerie 1530 zu sehen.

Der Brocken war schon um 1700 das wichtigste Reiseziel für Harztouristen. Warum zog es die Menschen dort hinauf? "Vor allem seine Höhe machte ihn attraktiv", sagt Claudia Graumann. "Man konnte unglaublich weit schauen." Zudem reizte die Wanderer der Nervenkitzel. "Die Leute waren sich nicht sicher, ob sie dem Hexen- und Teufelsmythos Glauben schenken sollten oder nicht."

Der touristischen Entdeckung sei die wirtschaftliche Erschließung vorausgegangen. Holzhauer, Torfstecher und Köhler verdienten ihren Lebensunterhalt rund um den Brocken. Auf der Heinrichshöhe sei um 1744 ein Torfstecherhaus gebaut worden. "Als Unterkunft für die Arbeiter, damit sie nicht jeden Tag zurück nach Hause nach Ilsenburg laufen mussten", berichtet Uwe Lagatz. Daraus entwickelte sich das erste Wirtshaus für Brockenreisende. "Von Mai bis Oktober konnten Touristen hier unter teilweise abenteuerlichen Bedingungen Kost und Logis in Anspruch nehmen."

Die Grafenfamilie zu Stolberg-Wernigerode erkannte sehr früh das touristische Potenzial des Brockens, investierte in den Ausbau des Wegenetzes und ließ schon 1736 das Wolkenhäuschen auf dem Gipfel errichten. Wanderer seien in jenen Jahren angehalten worden, auf ihrem Weg Holz zu sammeln, um es dann im Wolkenhäuschen verfeuern zu können. "Das Gebäude war oft beschädigt", so der Historiker. Sitzbänke seien verheizt worden, das Dach mehrfach Orkanen zum Opfer gefallen. "Das Häuschen wurde aber immer wieder aufgebaut."

1798 regte Graf Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode den Bau eines für damalige Verhältnisse modernen Gipfelgasthauses mit zwölf beheizbaren Zimmern und einem Blitzableiter an. Zwei Jahre später wurde es eröffnet und bot ganzjährig Quartier. Das Gebäude sei ständig erweitert worden - gegen 1853 um einen Aussichtsturm aus Holz. "Dort oben konnte man sich sogar Fernrohre ausleihen", so Lagatz. Der Turm sei mit Bleiplatten beschwert gewesen, damit er nicht wegfliegt. Dennoch blieb er nicht lange erhalten. 1855 wurde er durch einen Steinturm ersetzt.

Die Besucherzahlen seien schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts in zeitgenössischen Reiseführern festgehalten worden: 1788 waren es 543 Besucher, 1826 - 2178, 1870 - 6000, 1876 - 24 000 und 1907 - 80 000. "Die Zahlen bezogen sich auf Einträge in Gästebüchern. Nicht jeder hat sich eingetragen. Wahrscheinlich müsste man sie mal zwei nehmen." Dennoch belegen die Zahlen einen steten Zuwachs. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke hinauf zum Brocken setzte Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich der Massentourismus ein. Der Berg war erobert.

Parallel zur Ausstellung ist ein Buch von Uwe Lagatz erschienen. "Wer mehr wissen will, sollte da hineinschauen." Zudem bietet der Historiker im Wintersemester eine Lehrveranstaltung zur Tourismusgeschichte des Harzes an der Hochschule Harz an.

Die Ausstellung in der Galerie 1530, Marktstraße 1, Wernigerode, ist dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr sowie sonnabends von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.