Nach dem Ausbau der Straße Unter den Zindeln ist ein Stück Wernigeröder Stadtgeschichte wieder sichtbar geworden - der Auslauf des Heidemühlengrabens. Der künstliche Wasserlauf führte von der Flutrenne zur Holtemme und betrieb früher zwei Mühlen.

Wernigerode l Frisch gepflastert, und von Rollrasen umsäumt - der Gewässerauslauf des historischen Heidemühlengrabens ist nicht wiederzuerkennen. Mit der Sanierung der Straße Unter den Zindeln ist auch der Auslauf des querenden Mühlgrabens wieder hergerichtet worden. "Das ist ein Stück Wernigeröder Geschichte", sagt Baudezernent Burkhard Rudo. "Viele Wernigeröder erinnern sich nicht mehr an den Wasserlauf." Dabei hatte der Heidemühlengraben einst eine enorme Bedeutung für das Wernigerode der Vergangenheit.

"Er wurde wahrscheinlich schon im Mittelalter erbaut." Der künstliche Wasserlauf sei damals von der Flutrenne im südlichen Teil der Stadt abgezweigt worden, sagt der Baudezernent mit Blick auf einen historischen Stadtplan. Er verlief zumeist unterirdisch durch die Innenstadt - Teichdamm, am Schiefen Haus vorbei, über den Markt, zur Heidemühle, am Klaren Loch unterhalb der Stadtmauer zum Ochsenteich und schließlich in die Holtemme.

Zwei wichtige Mühlen seien von dem künstlichen Wasserlauf angetrieben worden, so Rudo. Die Walkmühle, das heutige Schiefe Haus, wurde 1680 auf dem Grundstück einer alten Mühle für die Tuchmachergilde errichtet.

Die durch ein Wasserrad betriebene Mühle diente der Verarbeitung von Stoffen. "Eine wichtige Funktion für die Stadt", schätzt Burkhard Rudo ein. "So wurden die Bewohner mit Kleidung versorgt." Allerdings war der Mühlgraben auch für die heute so charakteristische Schieflage des Gebäudes verantwortlich. Die Fluten des Wasserlaufs umspülten die Grundmauern der Mühle und dessen Ostfassade senkte sich.

In der Heidemühle wurde mit der Wasserkraft des Grabens Korn zu Mehl gemahlen - wichtig für die Versorgung der Bevölkerung mit Brot- und Backwaren. Auf dem Ochsenteichgelände habe der Heidemühlengraben zudem das riesige Wasserrad des Sägewerkes angetrieben, weiß Burkhard Rudo zu berichten.

Im Laufe der Jahre verlor der einst so wichtige Mühlgraben an Bedeutung. Die Walkmühle am Teichdamm stellte 1890 ihren Betrieb ein. Die Heidemühle wurde um die Jahrhundertwende auf Elektro-Betrieb umgestellt. Der Heidemühlengraben geriet in Vergessenheit. Sein Auslauf Unter den Zindeln wucherte nach und nach mit Gestrüpp und Unkraut zu.

Noch heute führe der Graben Wasser. "Allerdings nur Grund- und Schichtenwasser", so Rudo. Der Heidemühlengraben verlaufe parallel zum Hornschen Kanal, der für die Entwässerung der Hausgrundstücke in der Innenstadt sorgte. "Und sorgt", so Rudo. "Das Kanalsystem funktioniert noch immer." Am Klaren Loch in der Hinterstraße würden beide Wasserläufe zusammenfließen.

Nach dem Straßenausbau ist der Auslauf Unter den Zindeln und mit ihm ein Stück Stadtgeschichte wieder sichtbar. Laut Rudo soll die Anlage durch ein Geländer und eine Informationstafel ergänzt werden.

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