Der Wernigeröder Jürgen Nagler hat mit seinem Wartburg Camping viel erlebt. Vor 30 Jahren hat er das Fahrzeug, das nur noch ein Schrotthaufen war, in ein Schmuckstück verwandelt. Heute fährt er zu Oldtimertreffen und schreibt Fachbücher über die kultigen DDR-Autos.

Wernigerode l Seinen Wartburg Camping kennt Jürgen Nagler in- und auswendig. "Ich hatte jede Schraube, die zum Auto gehört, selbst in der Hand", sagt der Wernigeröder Wartburg-Experte, der nicht nur seinen und andere Wagen komplett neu aufgebaut, sondern auch an zwei Büchern zum Thema mitgearbeitet hat.

Zum Wartburg kam Jürgen Nagler vor dreißig Jahren. "Für einen Trabant war ich zu groß", sagt der Wernigeröder, der fast zwei Meter misst. 1981 fuhr er eine 311er Limousine, als er im Garten einer Produktionsgenossenschaft die Karosse des Wartburg Camping entdeckte. "Ohne Fenster, ohne Türen und völlig verrostet." Nagler fragte nach und bekam das Wrack geschenkt. Zwei Jahre brauchte er, um es in ein verkehrstüchtiges Fahrzeug zu verwandeln. "Ein Dreivierteljahr lang habe ich nur geschweißt", erinnert sich der 60-Jährige. Vor dem Familienurlaub an der Ostsee wurde eine Nachtschicht eingelegt, damit das Auto auf große Fahrt gehen konnte. "Den Himmelsstoff haben wir mit Reißzwecken befestigt", sagt Nagler. Die Gummidichtungen fehlten noch. "Es hätte nicht stark regnen dürfen."

Das Fahrgestell hat der Wernigeröder komplett aufgebaut, besorgte Rahmen und andere Teile. "Das war zu der Zeit sehr schwierig." 1966 wurde die Produktion des Wartburg 311 eingestellt, den Camping gab es etwas länger. Viele bauten damals ihre Fahrzeuge um und rüsteten auf. Um an Gummiprofile zu kommen, nutzte er private Kontakte zum Hersteller, für eine gebrauchte Kurbelwelle fuhr er bis Magdeburg.

Zu DDR-Zeiten diente der Wartburg als "Familienkutsche" und Transporter für Baumaterial jeder Art - inklusive des "Hasenhakens", der unvermeidlichen Anhängerkupplung. Nach der Wende wurde er zum Liebhaberstück. Rund 63000 Kilometer hat er mit dem Wagen bisher zurückgelegt. Allerdings fährt Jürgen Nagler mit seinem 312er-Camping mittlerweile hauptsächlich zu Oldtimertreffen. "Er ist mir sonst zu schade."

Das sehen auch andere so: Die Oldtimerszene interessiert sich zunehmend für DDR-Fahrzeuge. Die Wartburg-Modelle 313 Sport, 311-3 Cabrio, Coupé und Camping sind begehrt, sagt Nagler, der seit Jahren bei den Wernigeröder Oldtimerfreunden Mitglied ist. Der 313Sport etwa, von dem nur 469 Exemplare gebaut wurden, kann bis zu 60000 Euro kosten.

Den eigenen Wagen will der Wernigeröder nicht mehr hergeben. "Den fahre ich, bis ich nicht mehr kann." Weil er sich auskennt, brachten ihm früher andere Wartburgbesitzer ihre Autos zu Reparaturen, die die Werkstätten nicht mehr ausführten. Vor allem die Getriebe des 311 waren im ersten und im Rückwärtsgang störanfällig, weil unsynchronisiert. "Ansonsten ist der Wartburg aber sehr robust", betont er.

Jürgen Naglers Expertise ist gefragt. Gerade ist ein Buch erschienen, das er mit dem Autor Peter Böhlke geschrieben hat. Der Titel - "Wartburg. Alle Modelle 1953 bis 1991" - hält, was er verspricht. "Es sind alle Baureihen vertreten, die es gab", sagt Jürgen Nagler. Das war in der Vorgängerpublikation, die 2011 ebenfalls im Geramond Verlag erschienen ist, noch nicht der Fall. Trotzdem ist das Buch gut angekommen. "Binnen eines Jahres war es ausverkauft."

Der Fachautor Böhlke hatte für die Publikation Fotos von DDR-Fahrzeugen gesucht und sprach Jürgen Nagler auf einer Oldtimer-Veranstaltung an. Der Wernigeröder lieferte ihm zahlreiche Bilder - auch von seinem eigenen Wartburg. Mit ihren Büchern wollen beide den Bekanntheitsgrad der DDR-Wagen vor allem im Westen steigern. "Und wir wollen, dass auch ein Laie an unserem Buch Freude am Lesen hat."

   

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