Der Bergfried - das wohl exponierteste Bauwerk des Wernigeröder Schlosses - ist seit Monaten eingerüstet und mit blauen Planen verhüllt. Dieser Anblick hat bald ein Ende: Noch bis Ende Juli füllen Restauratoren löchrige Fugen und tauschen poröse Natursteine aus.

Wernigerode l Ein blaugrüner Makel trübt den Blick auf das Wernigeröder Schloss - der Bergfried, eines der markantesten Bauwerke auf dem Agnesberg - ist seit einem halben Jahr eingerüstet und mit Planen bedeckt. "Was ist da los?", wollten Volksstimme-Leser wissen. "Wir sanieren den Turm", sagt Christian Juranek auf Volksstimme-Nachfrage.

Der Bergfried sei im November mit einem Gerüst versehen worden. "Die Stiftung Schloss Wernigerode hatte zu diesem Zeitpunkt genug Geld, um die aufwändige Rüstung vornehmen zu können. Sie ist recht komplex, reicht über mehrere Stockwerke und verfügt über einen Fahrstuhl", erläutert der Geschäftsführer der Schloss Wernigerode GmbH. "Wir haben uns so erstmals einen konkreten Überblick über die Schäden am Bergfried verschaffen können." Die Kartierung der Risse sei nur vom Gerüst aus möglich gewesen.

"Dieser Teil des Schlosses ist besonders exponiert", sagt Juranek. Wind und Wetter hätten dem Turm über die Jahre zugesetzt. Zum letzten Mal waren Bergfried und Innenhof kurz nach der Wende saniert worden. Mindestens alle 15 bis 20Jahre, schätzt der Schlossherr, müssten die Steine und Fugen restauriert werden. Bis zu 40 Zentimeter tiefe Fehlstellen klafften Ende 2013 zwischen den Steinen. Es musste dringend gehandelt werden.

"Die Verfugung ist ein ganz spezielles Problem", sagt der Harzburger. "1991 wurde die falsche Technik angewandt. Man kann nicht einfach in den Baumarkt gehen und irgendeinen Mörtel kaufen." So verbrachten Juranek und die Steinmetze viel Zeit mit der Diskussion um den historisch richtigen Mörtel. Da der Turm von weither sichtbar ist, spielen Farbigkeit und Körnung des Materials eine wichtige Rolle. Juranek: "Keiner will weiße Fugen, sonst sieht das nach Lego aus."

Gips- oder Kalkgemische: Beide Sorten wurden in der Vergangenheit zwischen die Steine gepresst. Die Wahl des richtigen Materials an der entsprechenden Stelle sei ausschlaggebend für die Haltbarkeit. "Treffen in einer Fuge Gips und Kalk aufeinander, bilden sie bei Feuchtigkeit Salze, die dazu führen, dass die Fugen herausplatzen." An solchen Feinheiten hänge sehr viel. Der sogenannte Kalkspatzenputz, der nun die Fugen füllt, wird in einer Mühle in Hundisburg von Hand gebrannt.

Auch an den Steinen hat der Zahn der Zeit genagt. Günstige Chinaware kommt für Christian Juranek nicht in Frage. "Wir verwenden Natursteine, Porphyr aus Sachsen." Steine aus dem Harz seien auch ursprünglich nicht bei der Erbauung des Turmes im Jahr 1876 eingesetzt worden. Die Restaurierung sei sehr aufwändig. "Jeder defekte Stein wird einzeln herausgenommen und durch einen neuen ersetzt." Juranek hofft, dass das erste Konzert der Schlossfestspiele, die "First Night" am 26.Juli in der unverfälschten Kulisse des Innenhofes stattfinden kann - ohne eingerüsteten Bergfried. "Durch den milden Winter haben die Restauratoren durchweg arbeiten können", sagt er. "Allerdings gab es die unglückliche Situation, dass zwei der drei Steinmetze gleichzeitig fast einen Monat krank waren."

Der 34 Meter hohe Bergfried wurde beim Umbau des Schlosses von 1862 bis 1885 durch den Architekten Carl Frühling geschaffen. Er ist laut Juranek ein wesentliches Element für die märchenhafte Fernwirkung des Schlosses. Bei der Umrundung des Schlosses bietet sich dem Betrachter von allen Seiten eine neue Außensilhouette.

Das liegt auch an der ausgeklügelten Höhenstaffelung der einzelnen Elemente. "Carl Frühling soll gesagt haben: Ein Schloss ohne Bergfried ist wie ein Hund ohne Schwanz." Der Turm selbst sei ansonsten völlig funktionslos. "Er enthält lediglich die Turmuhr und die Kirchenglocken."

 

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