Ein Leben ohne Kunst wäre für Jette Held nicht vorstellbar. Um Gleichgesinnten eine Plattform zum Arbeiten und Lernen zu bieten, hat sie ihr Elternhaus in den Sitz eines Kunstvereins verwandelt.

Tanne l Dass sie einmal nach Tanne zurückkehrt, hätte Jette Held nie gedacht. "Zurück in das kleine Oberharzdorf, in dem ich aufgewachsen bin", sagt die 42-Jährige lachend. Mit ihrem blonden Kurzhaarschnitt und der zierlichen Figur wirkt sie mädchenhaft, doch der erste Eindruck täuscht.

Denn Jette Held ist studierte Betriebswirtin, managt einen Verein und bietet Künstlern wie Kunstinteressierten ein Domizil, in dem sie lernen und arbeiten können. Ausgerechnet in Tanne. Genauer gesagt in der Villa Trute, einem um 1900 eröffneten Gästehaus. Es ist das Elternhaus von Jette Held.

Für ihr Studium zog sie nach dem Schulabschluss zunächst nach Halle. "Außerdem bin ich viel herumgekommen", sagt sie. In der Zeit habe sie Kontakte zu Künstlern geknüpft. Denn obwohl sie sich für einen "soliden" Studiengang entschieden hat, war Jette Held am Kreativen interessiert. "Kunst war immer ein Bestandteil meines Lebens", betont die Vereinschefin. Besonders nach einem schweren Schicksalsschlag vor 14 Jahren habe sie darin Trost gefunden. Ein Halt war für sie die Heimat, der Harz - wenn auch einige Zeit nur als Besucherin.

"Das Ambiente ist sehr schön, genauso wie die Natur. Darum komme ich immer wieder gern her."

Mariana Lepadus, Lutherstadt Eisleben

"Viele meiner Freunde, die einmal mit mir Tanne waren, haben mich gedrängt: `Mach doch etwas draus, hier steckt Potenzial drin`", berichtet sie. Die Idee: Künstlern eine Plattform bieten. In der anregenden Umgebung der Harzer Berge, inmitten fast unberührter Natur und idyllischer Dörfer.

2007 war es soweit: Der Kunstverein Villa Trute wurde aus der Taufe gehoben. Mittlerweile gehören ihm 20 Mitglieder aus ganz Deutschland an. Schwerpunkt der Arbeit ist die "Sommerakademie Harz". Rund zwei Monate lang werden im Bereich bildende Kunst wöchentlich wechselnde Workshops und Kurse in Tanne angeboten. "Davon profitieren auch die örtlichen Vermieter, die Gastronomie und Händler", sagt Jette Held. Denn rund 30bis 50 Teilnehmer reisen dafür jedes Jahr nach Tanne.

Eine von ihnen ist Sigrun Fütterer. Die Sozialtherapeutin lebt in der Schweiz, stammt ursprünglich aus Thüringen. "Ich bin im Internet auf die `Sommerakademie` gestoßen", berichtet die 60-Jährige. "Es ist eine tolle Möglichkeit, sowohl in meine alte Heimat zurückzukehren, als auch malen zu lernen."

Anleitung und Hilfestellung erhält sie von Mariana Lepadus. Die studierte Künstlerin und Dozentin gibt seit einigen Jahren Kurse in der Villa Trute. "Das Ambiente ist sehr schön genauso wie die Natur. Darum komme ich immer wieder gern her", sagt die 53-Jährige.

Doch nicht nur Erwachsenen wird Kunst vermittelt. In der Villa Trute werden kostenlose Kurse für Kinder und Jugendliche angeboten. "Das ist mit Unterricht in der Schule nicht zu vergleichen", erläutert Jette Held. "Bei uns gibt es keine Bewertung, keinen Wettbewerb. Die Kinder sollen sich einfach trauen, Sachen auszuprobieren, die nicht normiert sind." Ermöglicht werde dieses Angebot durch Spenden. "Außerdem arbeiten wir eng mit dem Jugendamt und dem Landkreis zusammen und werden von ihnen unterstützt", sagt die Vereinschefin.

"Ich habe meinen Büro-Job an den Nagel gehängt und werde freie Kunst studieren."

Jette Held, Tanne

Wenn die Sommerkurse beendet sind, heißt es übrigens nicht, dass die Villa-Trute-Mitglieder ihre Freizeit genießen. In den Wintermonaten kümmern sie sich um die Organisation der kommenden Kurse, die Beantragung von Fördergeldern, die Pflege des Geländes und den Ausbau der Villa. Perfektion sei jedoch nicht das Ziel. "Inspiration braucht Unfertigkeit", erläutert Jette Held.

Der Vereinsgründerin steht ab September erneut eine spannende Zeit bevor. "Ich habe meinen Büro-Job an den Nagel gehängt und werde freie Kunst studieren", kündigt sie an. Die Aufnahmeprüfung in Braunschweig habe sie schon bestanden.

Infos und Bilder: www.sommerakademie-harz.eu

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