Die Freiwillige Feuerwehr Wernigerode feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. In einer Serie lässt die Volksstimme die Geschichte der Brandschützer Revue passieren. Heute: Die Geburtsstunde der Wernigeröder Wehr.

Wernigerode l Die Stadt Wernigerode hat in ihrer Geschichte viele, teils verheerende Brände erlebt. Bei dem Feuer, das im September 1863 in der Steingrube ausbrach, handelte es sich nicht um das Schlimmste. Es ging dennoch in die Geschichte ein - denn es zeigte deutlich: So geht es nicht weiter. Unter dem Eindruck der Ereignisse fanden sich Einwohner zusammen, um den Brandschutz in die eigenen Hände zu nehmen. Denn der Geburtsstunde der freiwilligen Feuerwehr ging ein Desaster voraus.

Bei den Löscharbeiten an der Steingrube herrschte im September 1863 das pure Chaos, heißt es in einer Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der Wernigeröder Feuerwehr. Zeitgenossen schildern das Geschehen so: "Wer bei den Bränden auf der Steingrube gegenwärtig war, wird noch mit wahrhaftem Schauder der Szenen gedenken, die sich dabei abspielten." Zwar gab es bereits eine unter dem Eindruck vorhergehender Brände eine mehrfach überarbeitete Feuerordnung, auch hatten Stadt und Bürger Löschgeräte angeschafft. Doch die Maschinen waren "schwerfällig und sehr wenig leistungsfähig" und bei der Umsetzung der Vorschriften haperte es ebenfalls.

Den Beobachtern zufolge herrschte ein "absoluter Mangel an einheitlicher Oberleitung", die Mannschaften waren "ungeübt und undiszipliniert". Die herbeigeeilte Menschenmenge war ebenfalls keine Hilfe, sondern "eine lärmende und unbotmäßige, jede freie Bewegung hindernde Zuschauermasse, wenig geneigt, irgendwie Hand anzulegen", heißt es aus zeitgenössischen Quellen. Wer Hilfe einforderte, erntete Hohn und Spott, höchstens zum eigennützigen Bergen von Gegenständen konnte sich mancher aufraffen. In einem anderen Fall stand eine Spritze zwar betriebsbereit, aber an einem ungünstigen Platz und ohne fachkundige Bedienung, weil der Spritzenmeister nicht zugegen war.

Nach dem Brand in der Steingrube, dem mehrere Häuser zum Opfer fielen, entschloss sich der Wernigeröder Magistrat, das Löschwesen neu zu organisieren. Die Bekanntmachung im Wernigeröder Intelligenzblatt vom 1. Oktober 1863, dass sich "unsere lieben Mitbürger, freiwillig in die einzelnen Abteilungen" eintragen, stieß aber nur auf wenig Resonanz.

Mehr Erfolg hatte eine Initiative aus der Bürgerschaft. Bereits am 27. September 1863 gründete sich ein Feuerwehr-Verein, der kurz darauf bereits 117 Mitglieder zählte. Oberstes Prinzip der neuen Feuerwehr sollte die Freiwilligkeit sein, auch in technischen Fragen sollte sie frei von behördlicher Bevormundung arbeiten.

Die Verhandlungen mit dem Magistrat zogen sich lange hin. Derweil trat der neu gegründete Männerturnverein auf den Plan, der ebenfalls eine freiwillige Feuerwehr gründen wollte. Der Vorstand wandte sich im Mai 1864 mit der Bitte an den Magistrat, ihm eine Feuerspritze zur unumschränktenBenutzung zu übergeben. Durch Spenden, Eigenfinanzierung und Zuschüsse von fünf Feuerversicherungen wurden 105 Reichstaler aufgebracht. Schließlich überreichte die Aachen-Münchner-Feuerversicherung dem Magistrat eine Feuerspritze im Wert von 110Reichstalern als Geschenk - unter der Bedingung, diese dem Turnverein zu überlassen.

Der Magistrat geriet immer mehr unter Druck, zu handeln. Am 9. Juli 1864 wurde die Polizeiverordnung über das Feuerlöschwesen verabschiedet.Am 16. Juli 1864 einigten sich Magistrat und Verein über die Gründung der Feuerwehr.