Misteln haben eine 200Jahre alte Linde krank gemacht. Am Mittwoch ist der große Baum in der Schönen Ecke in Wernigerode vor den Augen der entsetzten Anwohner gefällt worden. Sie vermuten, dass der Baum nicht ausreichend gepflegt wurde. Die Fällung hatte das Gartenamt genehmigt.

Wernigerode l Mittwoch um 9Uhr in der Schönen Ecke in Wernigerode: Die Kettensäge knattert laut. Es raschelt, dann fällt ein Ast der mächtigen Linde zu Boden. Wegen Mistelbefall soll der Baum gefällt werden. Drei Anwohner beobachten das Geschehen. Dass der 200 Jahre alte Baum ernsthaft krank sein soll, glauben Sieglinde Heinrich, Jürgen Grusa und Tino Böttger nicht. "Wenn man die Misteln abschneidet, ist der Baum wieder in Ordnung", ist Tino Böttger überzeugt. "Wenn ein Mensch Läuse hat, schneidet man ihm ja auch die Haare und nicht gleich den Kopf ab. Misteln sind keine ernsthafte Krankheit."

Das Gründstück des Wernigeröders grenzt direkt an die kleine Fläche, auf der der Baum steht. Er sei "niemand, der sich an Bäume kettet. Kein fanatischer Naturschützer", betont Böttger. "Aber ich sehe nicht ein, dass ein 200 Jahre alter Baum, von denen es nur noch sehr wenige in der Stadt gibt, gefällt wird, nur weil jemand sich das Geld für die Pflege sparen will." Der Baum sei kerngesund, das sei nach den ersten Schnitten ersichtlich.

Rückblick: Uta Köhler vom Wernigeröder Gartenamt nimmt im Frühjahr auf dem Grundstück der Pension Böttger in der Schönen Ecke mehrere Bäume unter die Lupe. Sie sollen zurechtgestutzt werden, einer muss gefällt werden. "Da ist mir sofort eine kranke Linde auf dem Nachbargrundstück ins Auge gefallen", erinnert sich die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. "Der Baum hatte so starken Mistelbefall, dass kaum noch Blätter dran waren. Misteln sind ein Befall, der den Baum langsam zum Absterben bringt." Die Linde habe deshalb an vielen Stellen bereits Totholz aufgewiesen, das herabzufallen drohte. "Sie steht an Garagen und Wegen. Die Sicherheit der Allgemeinheit hat oberste Priorität."

Mitarbeiter einer Fachfirma seien bei dem Vor-Ort-Termin dabei gewesen und hätten bestätigt, dass der Baum nicht mehr zu retten ist. Die Gartenamtsmitarbeiterin habe sich daraufhin mit der Eigentümergemeinschaft der Wohnhäuser Stadtgarten 4 bis 6 in Verbindung gesetzt. Zu diesem Komplex gehört auch die Linde. Zuständig für Uta Köhlers Anliegen sei der Verwalter der Eigentümergemeinschaft, die IW Bauwert-Consult Verwaltungsgesellschaft mbH, eine Tochter von Industriebau. "Ich habe dem Verwalter erklärt, dass die Eigentümer schadenersatzpflichtig sind, falls etwas passiert", so Uta Köhler. "Das Grünflächenamt hat uns telefonisch informiert, dass der Baum gefällt werden kann. Die entsprechende schriftliche Genehmigung ist uns im Juli 2014 erteilt worden", teilt Thomas Radtke von der IW Bauwert-Consult Verwaltungsgesellschaft mbH gegenüber der Volksstimme mit.

Die Eigentümergemeinschaften Stadtgarten 2, 3, 4, 5 und 6 seien dann über die geplante Fällung informiert worden. Thomas Radtke: "Daraufhin wurde die Fällung des Baumes beschlossen und entsprechend beauftragt." Eine Ersatzpflanzung hatte das Gartenamt nicht eingefordert.

"Das Grünflächenamt hat uns telefonisch informiert, dass der Baum gefällt werden kann. Die schriftliche Genehmigung ist uns im Juli 2014 erteilt worden."

Thomas Radtke, Mitarbeiter der Verwaltungsgesellschaft

Tino Böttger vermutet, dass die alte Linde bei der richtigen Pflege hätte erhalten werden können. "Aber vermutlich ist das einige Hundert Euro teurer als die Fällung", sagt er. Wie viel die Baumpflege die Eigentümergemeinschaft kostet, könne Thomas Radtke nicht beantworten.

Bis zu einem gewissen Punkt hätte man die Linde in der Tat gesund pflegen können, sagt Uta Köhler. "Aber selbst nach zweijähriger Pflege kann sich dann herausstellen, dass der Baum nicht mehr zu retten ist." Bei der betroffenen Linde wäre ohnehin jede Hilfe zu spät gekommen. "Wir sind das Gartenamt, wir lieben Bäume. Wir lassen keine gesunden Bäume fällen."

Anrufe und Beschwerden der Kritiker aus der Schönen Ecke nehmen sie und ihre Kollegen im Gartenamt sehr ernst, sagt Uta Köhler. Den meisten Menschen sei die schädliche Wirkung der Mistel einfach nicht bekannt. Die Mistel wächst als immergrüner Strauch auf Laubbäumen als Halbschmarotzer, über ihr Wurzelsystem entzieht sie dem Baum Nährstoffe. Man findet sie insbesondere auf Apfelbäumen, Linden, Pappeln und Ahornarten.

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