Hausgemachtes Eis, Baumkuchen und frisches Obst - die Harzer Volksstimme stellt in einer Serie Menschen vor, die für süße Momente in Wernigerode sorgen. Heute: Frank Schmidt, Leiter des Wernigeröder Gartenamtes und Herr über 1000 städische Obstbäume.

Wernigerode l Der Silstedter Mitschurin ist ganz schön sauer. Frank Schmidt beißt in den Apfel und zeigt das rote Fruchtfleisch. "Doch es gibt andere Sorten, die süßer schmecken, etwa die Goldparmäne", sagt der Leiter des Wernigeröder Gartenamtes und deutet zum Baum. Auf dem Grünstreifen zwischen den Wohngebieten Harzblick und Charlottenlust stehen rund 150 Apfelbäume. Die einen biegen sich bereits unter der Last der Früchte, die anderen müssen erst noch wachsen. Im Wernigeröder Bürgerwäldchen gibt es alte Apfelsorten, die ansonsten in Vergessenheit geraten würden - und die zur Erntezeit frisches Obst gratis liefern.

2009 wurde das zehn Hektar große Wäldchen angelegt, die Idee hatte Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht (CDU). Jeder Baum dort hat einen Paten, der auf einem Stein genannt wird, erklärt Frank Schmidt. 80 Euro zahlt der Pate für die Pflanzung des Baumes, den er sich zuvor selbst ausgesucht hat, die Pflege übernimmt später das Gartenamt. Das sei kein großer Aufwand, sagt Amtsleiter Schmidt. "Die Stadt wird schöner, ohne dass wir zusätzlich Geld ausgeben müssen. Und für die Leute ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie etwas hinterlassen, was sie überdauern wird."

Und schmackhaft ist die Traditionspflege obendrein, denn die Früchte der alten Apfelbäume heben sich vom Einerlei der Obstauslagen im Supermarkt ab. "Die Vielfalt der Aromen ist eine ganz andere als die der sechs Standardsorten", sagt Schmidt. Es sei zudem gesünder und ökologisch wertvoller, aber nicht immer schöner, weil Verwachsungen und Schorf vorkommen oder manchmal eine Made herausschaut. "Das kommt daher, dass das Obst auf unseren städtischen Flächen nicht gespritzt wird", erklärt der Gartenamtschef.

Ein weiterer Vorteil: Es kostet nichts. "Moralisch gesehen" sei zwar im Bürgerwäldchen der Pate derjenige, dem die Ernte an seinem Baum zustehe. Doch während einige regelmäßig vorbeischauen, hätten viele Bäume Paten von auswärts oder solche, die das Angebot zur Ernte nicht nutzen.

Aber auch andernorts haben Freunde süßer Naturkost die Möglichkeit, kostenfrei Früchte zu ernten. Insgesamt rund 1000Obstbäume befinden sich in Besitz der Stadt Wernigerode - vor allem in der Flussaue der Holtemme, die sich kilometerlang durch das Stadtgebiet zieht, aber auch in Benzingerode und am nördlichen Rand des Wohnparks Charlottenlust. "Das sind alte Bestände, die unter Naturschutz stehen", erklärt Schmidt. "Dort machen wir ab und zu einen Pflegeschnitt und ergänzen gelegentlich." Nach dem Krieg pachteten Familien Obstbäume, um sich zu versorgen. "Das gibt es heute nicht mehr", so Schmidt.

Am Rande des Gewerbegebiets Smatvelde etwa stehen in der Holtemmenaue Süßkirschen neben Apfel- und Haselnussbäumen. Frank Schmidt pflückt einen kleinen Zweig mit grünen Nüssen ab. "Die sind erst richtig gut, wenn sie von allein abfallen", sagt er. Die Ausbeute verspricht in diesem Herbst reichhaltig zu werden. "Das gibt eine schöne Speckschicht für die Eichhörnchen." Auch beim Obst gilt: Etwas darf immer hängen bleiben für die Vögel und andere Tiere.

Manche Bäume am Rande des Flusses sind alt und knorrig, andere frisch gesetzt - als Ausgleichspflanzungen für neue Ansiedlungen im Gewerbegebiet. Das sei ideal, sagt der Gartenamtsleiter. Dass in der Nähe Unternehmen produzieren, wirke sich auf die Qualität der Früchte nicht aus, versichert Frank Schmidt. "Bei Obst, dass an Straßen wächst, kann das jedoch kritisch sein."

Grundsätzlich sollten die Bürger aber zugreifen. "Wir haben komplett naturbelassenes Obst zu bieten", wirbt der Gartenamtsleiter. Genutzt werde das Angebot jedoch recht selten. "Der Bedarf, Obst zu ernten, ist minimal." Manchmal begegne man Menschen, die Fallobst zur Mosterei bringen. "Die meisten haben verlernt zu sehen, was die Natur an Süßigkeiten bereithält" , sagt Frank Schmidt. Dass es zum Beispiel Vogelbeersorten gibt, die man essen kann, und dass vielerorts in der Stadt Holunder wächst, der vitaminreich und vielseitig einsetzbar ist - "die Apotheke des kleinen Mannes", so Schmidt.

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