25 Jahre nach dem Fall der Mauer reisen vier ehemalige DDR-Sportler nochmal ins einstige Westberlin. Dort haben sie 1964 trotz Mauer gesamtdeutsche Geschichte geschrieben und sind lebenslange Freunde geworden. Jetzt war Treff bei Rainer Berger in Benneckenstein.

Benneckenstein l Wenn einer an die hochgelegene Harzstadt denkt, so sind meist bekannte Handelsleute, die Finkentradition oder legendäre Wilddiebe im Gespräch. Dabei haben vor allem Sportler den Namen ihres Heimatortes weit in die Welt hinausgetragen.

Seit mehr als 150 Jahren gehörten rührige Männerturnvereine und Kegelklubs zum gesellschaftlichen Leben in Benneckenstein. Es gab Trainingslager für die deutschen Nationalmannschaften der Ringer, Gewichtheber und Boxer. Boxweltmeister Max Schmeling ist Ehrenbürger. Aber wer weiß noch, dass die einstige Betriebssportgemeinschaft (BSG) "Aufbau" viele Talente in die Sportklubs der DDR delegierte und vier davon an einer Olympiade teilnahmen?

Die Benneckensteiner Wintersportler Werner Haase, Hans-Dieter Riechel und Dieter Bokeloh kämpften zum Beispiel 1960 in Squaw Valley (USA) und 1964 in Innsbruck (Österreich) um Medaillen. Der vierte Olympionike, Sprinter und Staffelläufer Rainer Berger, erinnert sich dieser Tage gern an eine Sensation.

Die gab es am 22. August 1964 im Olympiastadion im damals ummauerten Westberlin. Und es ging für den Harzer Sportler, gerade 19 Jahre jung, um alles, was er sich erträumte: eine Fahrkarte zu den Olympischen Spielen nach Tokio im fernen Japan. Für DDR-Bürger war der ferne Osten damals im "Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" hinter der Mauer mindestens nochmal so weit entfernt wie heute. Die ostdeutschen Läufer standen kurz davor, die Reise anzutreten. Aber: Auch die Sportler der westdeutschen Mannschaft wollten gerne nach Tokio. Und nur die Besten sollten fahren.

Sprinter Berger trat mit Heinz Erbstößer, Peter Wallach und Volker Löffler vom SC Leipzig zur 4 x 100-Meter-Staffel an und gab alles. Mit Erfolg. Die Vier wurden mit einer Zeit von 39,4 Sekunden schnellste Clubstaffel Europas und fuhren tatsächlich zu den Olympischen Spielen nach Tokio. Die westdeutschen Kameraden, obwohl bis dahin favorisiert, mussten zuhause bleiben.

Der Benneckensteiner Läufer nahm damit am letzten gesamtdeutschen Leichtathletik-Ausscheid für mehr als zwei Jahrzehnte teil. Der Staffelsieg wurde damals als "Krönung" des für die DDR-Athleten erfolgreichen Olympia-Ausscheids gefeiert. Auch, weil mit dem Ausscheiden der bundesdeutschen Staffelläufer nun eine Überzahl von DDR-Sportlern in der gesamtdeutschen Mannschaft für die Wettkämpfe nach Tokio fahren konnte.

Die Zeit von 39,4 Sekunden lag nur zwei Zehntelsekunden über dem Europarekord, drei Zehntel überm Weltrekord. Der Benneckensteiner und seine Kameraden hatten Weltklasse gezeigt. Bei den Wettkämpfen in Tokio ist ihnen allerdings ein noch größer Erfolg versagt geblieben. Medaillen brachten sie nicht mit nach Hause. Dafür erlebten sie einen grandiosen Sporterfolg in Deutschland, dem sie eine lebenslange Freundschaft verdanken, auch über die Mauer hinweg.

Denn der Kontakt zwischen den Staffelläufern wurde stets aufrecht erhalten. Für das Quartett selbst vergeht seit 1995 kein Jahr ohne ein Wiedersehen. Auch die einstigen Konkurrenten der "BRD-Mannschaft" halten Kontakt. Fritz Obersiebrasse und Manfred Knickenberg besuchten Rainer Berger zum 60. Geburtstag zuhause in Benneckenstein. Die Wiedervereinigung machte es möglich. Ebenso ermöglichte sie ein schönes Erlebnis in diesem Jahr.

Zum 50. Jubiläum des 39,4-Sekunden-Laufs traf sich die Originalstaffel - angegraut, aber aktiv - noch einmal in Berlin auf der Startbahn im Olympiastadion und erinnerte an diesen Sieg. Darüber wurde noch in dieser Woche gesprochen, als sich das Quartett zum 70. Geburtstag Rainer Bergers erneut in Benneckenstein traf und an die Weltklasse-Zeit erinnerte.

Der Weltrekord in der 4 x 100-Meter-Staffel liegt heute laut Internet seit 2012 bei 36,84 Sekunden - auf modernster Bahn knapp drei Sekunden unter der Zeit von 1964. Rainer Berger und Team waren noch auf einer Aschenbahn gelaufen.

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