Eine 130 Jahre alte Blutbuche wird in Wernigerode in der nächsten Woche gefällt. Die Eigentümer haben keine andere Wahl, denn der Baum in der Bachstraße ist krank und könnte jederzeit umstürzen.

Wernigerode l "Die Blutbuche ist ein markantes Wahrzeichen im Quartier", sagt die Wernigeröderin Sigrid Retzlaff. In ihrer Stimme schwingt Wehmut mit. Der mächtige Baum neben ihrer Wohnung in der Johann-Sebastian-Bach-Straße17 muss in der nächsten Woche gefällt werden - zu groß sei das Risiko, die von dem umsturzgefährdeten Baum ausgehe.

"Wir haben den Riesenporling im August am Stamm entdeckt", sagt Winfried Retzlaff. Er harkt weiße Wurzelreste aus dem Erdboden am Stamm. Es riecht modrig. "Der Baum kann jederzeit umstürzen, er muss weichen", sagt er. Der Pilz ist laut Frank Schmidt vom Gartenamt ein deutliches Zeichen dafür, dass der Baum abgestorben ist. "An so einer verkehrsträchtigen Ecke kann man nicht verantworten, die Blutbuche stehen zu lassen", sagt der Gartenamtsleiter.

Schon 41 Jahre lang wohnen die Retzlaffs in dem Haus am Minikreisel, seit einigen Jahren gehört dem Paar die Erdgeschosswohnung. Natürlich werde ihnen der Baum fehlen. "Er schirmt den Straßenlärm ab und ist durch seine dichte Belaubung eine natürliche Klimaanlage", sagt der Diplomingenieur.

Die gut 5000 Euro für die Fällung und eine halbseitige Straßensperrung teilen sich die Retzlaffs mit zwei weiteren Eigentümern, darunter Johanna Reschke. "Als vor einigen Jahren in der Bachstraße eine große Blutbuche gefällt wurde, erregte das den Unmut vieler Menschen", erinnert sie sich. Sie hofft nun auf das Verständnis der Wernigeröder. Über die Auflage der Ämter, den Baum fällen zu lassen, habe sie selbst einige Tränen vergossen. Ein Trost sei die Unterstützung, die Uta Köhler vom Gartenamt bei der Organisation der Fällung geleistet habe. "Wir kennen uns nicht mit dem behördlichen Werdegang aus und sind sehr dankbar für die Hilfe, die sie uns entgegenbracht hat", sagt Johanna Reschke.

Noch im Juli sei mit dem Gartenamt eine Strategie zur Rettung des Baumes vereinbart worden. Die Buche hätte um 40Prozent gekürzt werden sollen. "Bei ortsbildprägenden Bäumen beteiligen wir uns an den Kosten für den Pflegeschnitt", sagt Frank Schmidt.

Zu diesem Rettungsversuch kam es nicht mehr. Nur kurze Zeit später zeigte sich der erste Pilzfruchtkörper, das Schicksal des Baumes war besiegelt. Mehrere Experten bestätigten laut Frank Schmidt, dass die Buche nicht mehr zu retten ist.

Die Retzlaffs vermuten, dass der Baum bei Bauarbeiten vor zehn Jahren beschädigt wurde. "Im Sommer 2004 erfolgte der Straßenausbau der Bachstraße einschließlich Brückenneubau Ecke Forckestraße", sagt Winfried Retzlaff. Er hat die Arbeiten mit Fotos dokumentiert.

Sämtliche Ver- und Entsorgungsleitungen seien damals erneuert worden. Sie führen direkt über das Grundstück in der Bachstraße 17. "Dabei wurden die Wurzeln gekappt. Spezieller Baumschutz wurden von den Baufirmen nicht vorgenommen", so Retzlaff. Ab 2006 habe die Blutbuche immer weniger und kleinere Blätter getragen, es zeigte sich von Jahr zu Jahr mehr Totholz.

"Ob die Bauarbeiten die alleinige Ursache sind, oder ob der Baum auch unter anderen Einflüssen gelitten hat, kann man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen", so Frank Schmidt. "Es wäre nur logisch, wenn die Wurzeln damals beschädigt wurden. Wir haben das Tiefbauamt gebeten, sich an den Kosten zu beteiligen."

Die Rotbuche wurde 1880 auf dem Grundstück des damaligen "Töchterheims Reye" in der Otto-Straße gepflanzt, berichtet Winfried Retzlaff. "120Jahre lang gedieh der Baum prächtig", sagt er und streicht über den Stamm.