Sterbenden ihre letzten Tage so lebenswert wie möglich zu gestalten, das ist das Ziel des Hospizvereins Wernigerode. Anlässlich des Welthospiztages am heutigen Sonnabend hat die Harzer Volksstimme mit Carola Stockmann gesprochen, die sich ehrenamtlich für den Verein engagiert.

Wernigerode l Der Atem der alten Frau rasselt. Sie holt Luft - ein Kraftakt für sie. Jeder Atemzug könnte ihr letzter sein. Sanft streichelt sie die Hand der Besucherin. Die Frau öffnet ihre Augen, ihr Blick ist voller Dankbarkeit.

"Viele Menschen wünschen sich, ihre letzten Tage zu Hause in gewohnter Umgebung zu verbringen und nicht im Krankenhaus zu sterben", sagt Carola Stockmann. "Wir helfen ihnen dabei." Die 51-Jährige ist eine von 15 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen im Raum Wernigerode.

Als Leiterin des Senioren- und Familienhauses Steingrube habe sie viele ältere Menschen in ihrer letzten Lebensphase erlebt. "Wenn sie dann starben, fiel es mir früher schwer, dies zu verarbeiten." Damals wuchs in ihr der Gedanke, sich als Hospizbegleiterin zu engagieren. Aus einer Initiative mit Gleichgesinnten entstand 2003 schließlich der Hospizverein. Heute zählt er insgesamt 35 Mitglieder. "Wir begleiten selbstverständlich nicht nur Senioren, sondern jeden, der unsere Hilfe benötigt", sagt Carola Stockmann. "Darunter sind mehr junge Menschen, als man glaubt."

Ziel sei es, den sterbenden Menschen beizustehen und ihre letzten Wochen so lebenswert wie möglich zu gestalten. Dabei arbeiten die Hospizbegleiter eng mit ambulanten Palliativhelfern zusammen. Das sind Mediziner, die den Sterbenden Medikamente verabreichen, um Schmerzen und Krankheitssymptome zu lindern. "Die Ärzte können sich aus Zeitgründen jedoch nicht ans Sterbebett setzen", so Carola Stockmann. "Den seelsorgerischen Part übernehmen wir."

Die Hospizhelfer sind nicht nur für Sterbende da, sondern auch für die Angehörigen, die das kranke Familienmitglied zu Hause pflegen. "Wir versuchen, die Verwandten zu stärken, damit sie neue Kraft für ihre schwere Aufgabe schöpfen. Wir helfen bei Behördengängen und Anträgen, stellen Kontakt zu Netzwerkpartnern her."

Bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit habe sie die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht. "So erfahrungsreich wie das Leben ist der letzte Lebensweg. In dieser Phase tickt die Uhr anders. Wir versuchen, uns auf den Menschen und seine Bedürfnisse einzustellen."

Der Tod sei heutzutage ein Tabuthema. "Viele Leute verdrängen ihn, schieben das Thema einfach weg", sagt die 51-Jährige. "Unser Anliegen ist es zu verdeutlichen, dass der Tod nun einmal zum Leben dazugehört. Und der Tod hat noch niemanden vergessen."

Der Hospizverein versteht sich gleichzeitig als Anlaufstelle für Trauernde. "Wir bieten ihnen Hilfe zur Selbsthilfe, geben ihnen Raum und Zeit für ihre Trauer und ihre Gefühle - und das solange sie wollen." In Gesprächskreisen oder beim Sonntag ohne Trauer haben die Hinterbliebenen Gelegenheit, sich zu treffen. "Menschen , die sich in Trauer kennenlernen, entwickeln oft tiefe Freundschaften", habe sie beobachtet. "Sie sind fürs Leben verbunden."

Und wie verarbeitet sie selbst die vielen traurigen Momente, die sie während ihrer Einsätze erlebt? Carola Stockmann überlegt. "Das lernt man mit der Zeit. Ich bin präsent, wenn ein Mensch Hilfe braucht, dann tue ich alles, was ich kann. Aber mehr geht nicht. Das führe ich mir immer wieder vor Augen." Hospizhelfer müssten eine umfangreiche Ausbildung absolvieren, 80 Stunden Theorie und 20 Stunden Praxis. Erst danach werden sie eingesetzt. Zudem werden mehrmals im Jahr Begleitertreffen angeboten, bei denen die Ehrenamtlichen neben vielen organisatorischen Dingen auch Erfahrungen austauschen können.

Die Arbeit als Hospizhelferin sei ein Geben und Nehmen, betont die Wernigeröderin. "Ich spüre viel Dankbarkeit." Inzwischen schaue sie völlig anders auf ihr eigenes Leben. "Mir ist die Endlichkeit bewusst." Und welchen Rat gibt sie den Lebenden? "Redet miteinander. Teilt euren Liebsten eure Gefühle und Ängste mit." Viele Menschen würden glauben, dass sie dafür noch viel Zeit haben. "Doch wie viel Zeit einem tatsächlich bleibt, weiß niemand."

Kontakt zum Verein unter Telefon 01 51 - 18 78 24 93