Vor 25 Jahren sind 800 Menschen schweigend durch die Straßen von Wernigerode gezogen. Zur Erinnerung an die friedliche Revolution 1989 hat der Ökumenische Kirchenkreis zu Gebet, Kerzengang und Gesprächsrunde eingeladen.

Wernigerode l Ein ergreifender Moment, als die gut 100 Menschen am Samstagabend die Sylvetrikirche betreten. Mit brennenden Kerzen nähern sie sich dem Altarraum. Es ist mucksmäuschenstill. Einer nach dem anderen bückt sich, steckt seine Kerze in den Sand. Die Flämmchen bilden schließlich ein leuchtendes Kreuz. Gegen 18 Uhr hatten sich die Teilnehmer zuvor in der Johanniskirche getroffen - auf Einladung des Ökumenischen Kirchenkreises - um gemeinsam zu beten und an die friedliche Revolution vor 25 Jahren zu erinnern. Nach dem Gebet zog die Gruppe mit Kerzen in den Händen durch die Stadt zu St. Sylvetri.

"Ich bin unglaublich dankbar, dass ich diesen Weg heute ohne Herzklopfen gehen konnte", sagte Christoph Felchow in der anschließenden Gesprächsrunde. "Das war vor 25 Jahren anders, als wir vom `Harzfriede` im Mühlental in die Johanniskirche zogen. Keiner wusste, was passieren wird. Wir alle hatten die Geschehnisse vom Platz des himmlischen Friedens in Peking im Kopf", so Felchow.

Schon lange hatte es in Wernigerode wie in vielen anderen Orten der DDR gebrodelt. Der Friedenskreis traf sich damals regelmäßig im Oberpfarrkirchhof 6, blickte der ehemalige Pfarrer Peter Lehmann zurück. "Wir eröffneten eine Umweltbibliothek, trieben die Gründung des Neuen Forums in Wernigerode voran", so Lehmann. Die Zahl der Anhängerschaft wuchs von Woche zu Woche. Erst 20, dann 30, dann 50. Immer mehr. "Die Leute standen auf der Straße, weil sie nicht mehr in den kleinen Raum am Oberpfarrkirchhof passten."

Für das nächste Treffen am 11. Oktober 1989 musste eine neue Versammlungsstätte her und war mit dem Altenheim "Harzfriede" im Mühlental gefunden. Früh um 8 Uhr habe er einen Anruf vom Rat des Kreises erhalten, erinnerte Peter Lehmann. "Ich sollte die Veranstaltung absagen. Aber wie?" Das Treffen durfte schließlich doch stattfinden. "Aber ohne öffentliche Demonstration. Das war die Absprache."

Auch der Speisesaal im Altenheim war zu klein für den Ansturm der Menschen. "Wir riefen beim Rat des Kreises an, teilten mit, dass wir aus Platzmangel in eine Kirche umziehen müssen", so Lehmann. Man habe sich damals für den längsten Weg durch die Stadt zur Johanniskirche entschieden. "Schweigend zogen wir los. In den Seitenstraßen standen überall die Mannschaftswagen der Polizei und der Staatssicherheit." 750 bis 800 Menschen hatten sich an dem Treffen in der Kirche beteiligt, hieß es später im Stasiprotokoll. Danach sei die Bewegung nicht mehr zu stoppen gewesen, so Lehmann

Es sei ein ganz besonderes Erlebnis gewesen, so eine Teilnehmerin. "Wir fühlten uns so zuversichtlich. Das ging unter die Haut", so die Frau. "Einer der Höhepunkte meines Lebens." Er sei mit seiner Frau und seinem Sohn dabei gewesen, meldete sich ein Elbingeröder zu Wort. "Ich hatte erst am Tag zuvor von der Gründung des Neuen Forums in Wernigerode erfahren." Bereits einen Tag nach der Veranstaltung in Wernigerode sei die Elbingeröder Winterkirche für ein erstes Friedensgebet geöffnet worden.

"Veränderung lag in der Luft", sagte Pfarrer Stefan Hansch. "Den Menschen ging es anfangs nicht darum, dass Deutschland wieder eins wird. Vielmehr wollten sie die Gesellschaft von innen heraus verändern", so der Pfarrer. Diese Erwartung sei nicht erfüllt worden.

"Eine schnell Einheit - das überstieg damals meine Fantasie", sagte Ulrich-Karl Engel aus Blankenburg. Jedoch habe er vor der Wende einmal gesagt: "Bevor ich alt bin und sich der Sargdeckel schließt, möchte ich auf den Brocken." - "Vielleicht habe ich mir insgeheim doch die Einheit gewünscht", so Engel.

Renate Goetz erinnerte in der Gesprächsrunde an ein prägendes Schlüsselerlebnis. "Ich verbrachte im Sommer 1989 meinen Urlaub in Böhmen, als immer mehr DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft Zuflucht suchten", so die Wernigeröderin. "Auch wir fuhren nach Prag, wollten diesen Zaun vor der Botschaft finden, den wir aus den Nachrichten kannten." Schließlich habe sie davor gestanden, Auge in Auge mit den Flüchtlingen - ratlos. "Kommen Sie rüber, wir müssen ganz viele werden", hätten die Menschen auf der anderen Seite des Zauns gerufen. "Mir liefen die Tränen über die Wangen", so Renate Goetz. "Ich kann nicht", habe sie damals gesagt. "Ich kann mein Kind zu Hause nicht alleine lassen." So ratlos wie zur Wende seien die Menschen auch heute, wenn es um Flüchtlinge aus Syrien, aus den Kurdengebieten gehe, so Goetz. "Heute leben wir in unserem beschaulichen Wernigerode, haben Wärme, Essen, Familie. Wir sollten überlegen, wie wir diesen Flüchtlingen helfen können."

"Bald ist Weihnachten, wir könnten die Flüchtlingskindern, von denen viele in Halberstadt untergebracht sind, eine Freunde bereiten", regte Pfarrerin Cornelie Seichter an. "Besuche, Begegnungen - es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu tun."