Bewegende und für manche fast unglaubliche Geschichten sind beim Grenzfest in Sorge zur Sprache gekommen. Auch, dass den Sperranlagen bisweilen der Strom abgeschaltet wurde.

Sorge l Allein 1963 habe der Bundesgrenzschutz (BGS) an der DDR-Grenze im Harz 760 Fluchtversuche gezählt.

Das berichtete Dieter Freesemann zum Auftakt der Podiumsdiskussion in Sorge zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung. Gut 100 Gäste hörten aufmerksam zu, als Freesemann über seine Jahre als Chef des BGS im Harz sprach. Die Zahl der Fluchtversuche sei später zurückgegangen, weil die Grenzsperren immer perfekter wurden, sagte Freesemann. Dafür sorgten Minen, Selbstschussanlagen und Spezialstahl aus Duisburg, der über Schweden in die DDR kam, um dann als Grenzzaun zu enden.

Als dieser Zaun dann 1989 durchlässig wurde, hätten er und seine Kollegen nur Freude gespürt, so Freesemann weiter, obwohl niemand wusste, was das für Job und Familie bedeutete. Und es sei doch klar gewesen, dass die deutsche Einheit, "das Größte in der deutschen Geschichte", so der Ex-Grenzer, nicht problemlos zu schaffen sei. Freesemann arbeitete später bei der Polizei in Bad Düben/Sachsen und bekam dort zu hören: So emsig wie er arbeite, hätte er ein guter Volkspolizist werden können. Freesemann nahm es als Kompliment.

Ebenfalls ein Kompliment für die Entwicklung in den letzten 25 Jahren sprach Paul Küch aus. Er berichtete von seinen Nöten mit dem Schießbefehl beim Grenzdienst in den 1980-er Jahren im Eichsfeld. Es freue ihn sehr, dass heute da, wo er hätte schießen sollen, ein Fußballplatz ist.

Nachdem Ralf Wolfensteller seinen beinahe tödlichen Fluchtversuch 1967 an der Sorger Grenze geschildert hatte (Volksstimmee berichtete), äußerten sich weitere Gäste.

Karlheinz Brumme aus Elend berichtete, dass man in der DDR auch ohne Parteimitgliedschaft Lehrer werden konnte. Er habe an der Thomas-Müntzer-Schule in Wernigerode unterrichtet und es zum Beispiel abgelehnt, eine Ex-tra-Friedensdemonstration zu organisieren, weil das von der Schulleitung verlangt wurde. Insgesamt sieben informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit seien auf ihn angesetzt worden, berichtete Brumme. Einen habe er zur Rede stellen wollen - ohne Ergebnis.

Ein Mann aus Ellrich bekräftigte, dass er sich eingesperrt gefühlt habe. Eine Frau aus Sorge berichtete bewegt von ihrer Angst, weil immer wieder scharfe Hunde sich aus der Hundelaufanlage der nahen Grenze losgerissen hatten und hungrig durchs Dorf liefen. Sie sagte aber auch, dass es bei der Harzbahn einen Schalter gab, mit dem der Strom für die Grenzanlagen bei Gewitter abgeschaltet werden musste.

Das Fest ging mit Speis und Trank, Kabarett von den Spinnesängern und Besuchen an der Grenze, die heute ein Museum ist, zu Ende.

   

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