Als sie geboren wurden, war die DDR längst Geschichte. Trabant, Stasi und Karat - alles Begriffe, die sie zwar gehört haben, aber deren Bedeutung den Zehntklässlern der Sekundarschule "Burgbreite" in Wernigerode nicht bewusst gewesen ist. Grund genug, sich in einem Projekt mit der DDR auseinanderzusetzen.

Wernigerode l Ruhig und konzentriert sitzen die Zehntklässler im Klassenraum der Ganztagssekundarschule "Burgbreite" in Wernigerode. Sie lauschen einem Tonband. Eine Frau berichtet über ihre Erfahrungen in einem DDR-Gefängnis. Erstaunen zeigt sich auf den Gesichtern der Schüler, Erschrecken und Ekel.

"Die Geschichten sind schockierend. Dass so etwas damals geschehen ist, habe ich nicht gewusst", sagt Anastasia Jenazki. So geht es auch ihren Mitschülern. Obwohl fast alle im Gebiet der ehemaligen DDR geboren wurden, ist ihr Wissen über das "zweite Deutschland" nur begrenzt, berichten sie einstimmig. Kein Wunder, jährt sich der Fall der Mauer in diesen Tagen zum 25. Mal.

Drei Tage lang steht deshalb die DDR auf dem Lehrplan der Abschlussklassen in der Burgbreite. Zur Freude von Anna Hoppe. "Für mich ist es das spannendste Thema der Geschichte", sagt die 17-jährige Wernigeröderin. "Mir ist es wichtig, zu erfahren, wie meine Großeltern gelebt haben."

Von typischen Ost-Produkten bis hin zum Trabant lernen die Schüler Alltägliches der Planwirtschaft kennen, erfahren von "Wänden, die Ohren haben", bislang unbekannten Schulfächern wie Staatsbürgerkunde und einer Währung, die sie als "Spielgeld" bezeichnen. Unterrichtet wird außerdem die Musik der Zeit - Pionierlieder ebenso wie die Hits von Karat, den Puhdys und Udo Lindenbergs gesungene Bitte vom "Sonderzug nach Pankow".

Am beeindruckendsten ist für die Jugendlichen die Besichtigung der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Magdeburg. Nach einem Einblick in Zellen und Verhörraum berichtet ein Zeitzeuge von seinem Erlebten. "Erschreckend, was damals in den Stasi-Gefängnissen vorgegangen ist", fasst Christopher Hoffmann zusammen.

Dem kann Mitschüler Nico Hoyer nur beipflichten. "Aber abgesehen davon, interessiert mich das Thema DDR kaum. Es ist halt nicht meine Zeit." Mit dieser Meinung steht der Silstedter nicht allein, sagt seine Lehrerin Christina Fricke. "In dieser Generation spielt auch der Ost-West-Unterschied kaum noch eine Rolle. Die Jugendlichen kennen es nicht mehr." Umso wichtiger sei es ihr deshalb, das Interesse an der Thematik zu wecken, so die Geschichtslehrerin.

1989 waren die Eltern der Schüler selbst Teenager. "Früher haben wir bei Projekten zum Mauerfall immer die Hausaufgabe gegeben, die Eltern zu befragen, was sie am 9.November getan haben", sagt Christine Fricke. "Heute befragen die Kinder eher ihre Großeltern. Ihre Eltern waren damals oft noch so jung, dass sie nur wenige Erinnerungen an die DDR haben."

Ihr selbst sei der Tag hingegen nach wie vor gegenwärtig. "Damals war ich 26 Jahre alt. Es war eine aufregende, spannende Zeit", berichtet die Lehrerin. Sie habe das Geschehen am Fernseher verfolgt. Mit ihren Kindern, heute 30 und 26 Jahre alt, spreche sie häufig über die Ereignisse rund um den Mauerfall und das Leben im Sozialismus. "Sie haben kaum eigene Erinnerungen. Deshalb versuche ich ihnen und den Schülern, ein möglichst reelles Bild zu vermitteln. Die Ereignisse sollten nicht in Vergessenheit geraten", sagt Christine Fricke. "Es ist viel Schlimmes passiert, aber es gab auch durchaus schöne Momente."