25 Jahre Mauerfall - daran hat ein Zeitzeugengespräch in Schierke erinnert. Historische Videoaufnahmen haben die Wendetage bildlich vergegenwärtigt.

Schierke l Auf der Leinwand im Café Winkler flimmern Szenen aus einer anderen Zeit. Stacheldrahtbewehrte Grenzzäune, dann Zaunteile, die achtlos auf einen Acker geworfen wurden. Kolonnen von Trabis am Grenzübergang, winkende und lachende Menschen. Gefilmt hat all dies ein Ehepaar aus Braunschweig, das regelmäßig die Region besuche, berichtet Hans Steinhoff. Der Brockenwirt hatte zum 25.Jahrestag des Mauerfalls eingeladen, um mit den Videoaufnahmen und Zeitzeugengesprächen an die wilde Wendezeit zu erinnern.

Die begann in Schierke wie andernorts an der damaligen Grenze erst ein paar Tage später. "Am 9.November haben wir alle vor dem Fernseher gesessen und geschaut", sagte Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU). Erst dann ging es über die Grenze. Der Empfang in Braunlage war herzlich, erinnert sich die Schierkerin. Gemeinsam wurde gefeiert bis in den Morgen. "Das war eine tolle Zeit."

Demgegenüber wünscht sich die Ortschefin die alten Zeiten nicht zurück. "Was haben wir für Repressalien erlebt in der DDR!" Weil Schierke in der Sperrgebietszone lag, konnten die Bewohner sich nicht frei bewegen wie andere. Christiane Hopstock erinnert sich daran, wie sie einmal ohne Ausweis unterwegs war und am "Stern" festgehalten wurde, bis jemand aus der Familie kam, um sie auszulösen - "und das, obwohl wir uns natürlich alle kannten". Und wer beim Pilzesammeln zu weit in Richtung Grenze vom Weg abkam, wurde ebenfalls festgehalten - auch das ist Christiane Hopstock in jungen Jahren passiert.

Es werde häufig vergessen, dass erst die Grenzöffnung die Orte nah am Zaun zu neuem Leben erweckt hatte, sagte Uwe-Friedrich Albrecht (CDU). "Für mich war es das Bewegendste, dass ich endlich ohne Passierschein nach Elend und Schierke fahren konnte", sagte der Präsident des Wernigeröder Stadtrates beim Gedenkabend im Café Winkler. "Es war immer eine elende Angelegenheit, den Antrag dafür zu stellen." Für ihn war der Mauerfall "emotional sehr aufgeladen". Stundenlang habe er in der Stadt angestanden, um sich den nötigen Stempel für den Pass zu besorgen und den Geldumtausch zu erledigen. Daraufhin begab er sich auf den Weg nach Westberlin, wo er Familie hatte. Dass all dies damals möglich wurde, könne man nicht hoch genug schätzen. "Es bewegt mich sehr, dass wir heute tun können, was wir wollen."

Zum Beispiel auf den Brocken wandern. Auch die ersten Spaziergänge auf dem Hausberg der Schierker haben die Braunschweiger im Winter 1989 gefilmt. "Viele wissen gar nicht mehr, wie der Brocken damals ausgesehen hat", sagt Steinhoff. In der Café-Runde sorgen die Bilder von damals, als noch Mauern und sowjetische Abhöranlagen auf dem Berg standen, für Aha-Effekte. "Wie weit man noch sehen konnte! Und die Schanze steht auch noch!"

Mit den russischen Soldaten habe man gute Kontakte gepflegt und ihnen häufig etwas zu essen vorbeigebracht, erinnert sich Christiane Hopstock. Nachdem der Neueröffnung der Gastronomie seien aber auch Einbrüche an der Tagesordnug gewesen, so Hans Steinhoff.