Die Freizeitgärtner im Wernigeröder Nesseltal sind verunsichert. Immer mehr Gärten verwahrlosen, weil sie nicht wieder von der Stadtverwaltung verpachtet werden. Im Rathaus heißt es, man wolle sich Mitte 2015 mit den Pächtern an einen Tisch setzen.

Von Julia Bruns

Wernigerode l Was wird aus den Kleingärten im Nesseltal? Diese Frage beschäftigt die Pächter der städtischen Parzellen in Oberhasserode. Hans-Günther Fiolka pflegt seit 1986 einen Garten im Erholungsgebiet Nesseltal/Langer Stieg. Er befürchtet, dass die Wernigeröder Stadtverwaltung den Nutzern im nächsten Herbst kündigen will.

"Am 3. Oktober 2015 läuft die sogenannte Schutzfrist für Kleingärten aus", sagt Fiolka. Derzeit sind Pächter nach dem Schuldrechtsanpassungsgesetz grundsätzlich bis zum 3.Oktober 2015 vor einer Kündigung geschützt. Gemeinden dürfen die Verträge mit den Pächtern ab dem 4. Oktober nächsten Jahres kündigen, "ohne dass besondere Gründe wie Nutzungsänderungen vorliegen", informiert das Wernigeröder Liegenschaftsamt auf Volksstimme-Anfrage.

Von den 76 Kleingärten im Nesseltal liegen zehn brach. Sie werden nicht von einem Kleingartenverein, sondern von der Stadt verwaltet. Hans-Günther Fiolkas Angst vor einer Kündigung wird umso größer, je mehr frei gewordene Parzellen nicht wieder von der Stadt verpachtet werden. Er vermutet, dass die Stadt die Flächen für eine Erweiterung des benachbarten Ferienparks oder Hotels vorsieht. "Wernigerode ist gesegnet mit Touristen. Sie bringen der Stadt wichtiges Geld ein. Aber wir müssen auch darauf achten, dass sich die Menschen, die hier wohnen, wohlfühlen."

"Das Unkraut wuchert, und die Stadtverwaltung lässt den Garten verwahrlosen."

In dem Erholungsgebiet seien einige Gärten aus Alters- und Gesundheitsgründen aufgegeben worden. Seit sechs Jahren verwildert ein Garten direkt neben Fiolkas Parzelle. Flaschen, Plastikmüll und alte Gartenmöbel hätten die einstigen Pächter zurückgelassen. "Das Unkraut wuchert, und die Stadtverwaltung lässt den Garten verwahrlosen", sagt er. "Das ist ein schlimmer Anblick im Quartier - und das in einer Gegend mit vielen Touristen."

Bekannte von ihm hätten das Grundstück gerne pachten wollen, sagt der Kleingärtner. "Aber sie sind im Rathaus abgeblitzt." Er versteht das nicht - schließlich entgingen der Verwaltung die Einnahmen aus der Pacht. Er zahlt für sein 564 Quadratmeter großes Gartengrundstück 300 Euro im Jahr. "Außerdem muss der Stadt doch daran gelegen sein, dass solche Erholungsgärten gepflegt werden."

Horst Lauterberg ist der älteste Pächter im Nesseltal. Seit den 1940er Jahren hegt und pflegt er "seine Ranch", wie er liebevoll sagt. Er zeigt bei einem Rundgang durch die Anlage auf sechs weitere verwilderte Parzellen, die der Stadt gehören und nicht wieder verpachtet wurden. Seine Datsche ist ein wichtiger Rückzugsort für den Rentner. Das Häuschen hat er selbst gebaut. Er ist stolz darauf.

Auch er habe Angst vor der ungewissen Zukunft, so Horst Lauterberg. "Ich weiß von Pächtern, die gekündigt haben und die den Abriss ihrer Datschen selbst bezahlen mussten", sagt er. Das könne er sich nicht leisten. Die Unsicherheit unter den Pächtern nehme zu. Modernisierungen an Lauben würden zurückgehalten, Neuanschaffungen verschoben.

Mehrmals hat sich Hans-Günther Fiolka an das Rathaus gewandt, um zu erfahren, auf welche Veränderungen sich die Pächter im Nesseltal einstellen müssen. "Die Antworten waren ausweichend und unklar. Man wisse nicht, was aus dem Gebiet wird." Er fühlt sich schlecht informiert. "Wir wollen, dass jetzt endlich Klartext von den Verantwortlichen im Rathaus geredet wird", sagt er.

Auf Nachfrage der Volksstimme im Liegenschaftsamt erklärt die Leiterin Kerstin Brüning: "Die ständige Argumentation seitens einiger Pächter, dass die städtischen Gärten mit Ablauf der Schutzfrist gekündigt werden, ist schlichtweg falsch."

Sie betont: "Kurzfristige Kündigungen sind nicht vorgesehen." Zugleich bestätigt die Amtschefin, dass unbewirtschaftete Gärten im Nesseltal nicht wieder verpachtet werden. Der Grund: Es sei noch nicht entschieden, was aus den Flächen in Zukunft werden soll. Der aktuelle Flächennutzungsplan für das Gebiet Langer Stieg/Nesseltal/Schmiedeberg vom Juni 2009 weist das Areal als "weiße Fläche" aus. Im Nesseltal seien "die stadtplanerischen Entwicklungsziele im Zusammenhang mit einer wirtschaftlichen Verwendung der Flächen nach wie vor nicht abschließend festgelegt".

Frühestens Mitte 2015 werde mit der Erarbeitung eines neuen Flächennutzungsplans begonnen, sagt Verwaltungssprecher Andreas Meling auf Nachfrage. "Mit den Pächtern der Gärten setzen wir uns dann an einen Tisch, um eine grundlegende Lösung zu erarbeiten", sagt er. Das Flächennutzungsplanverfahren dauere mehrere Monate. "Bis dahin müssen wir uns alle Optionen offen halten und können keine langjährigen Pachtverträge eingehen."

Bilder