Klimaschutz ist das Gebot der Stunde. Während die Verwaltung ein Konzept erarbeiten ließ, gehen die Wernigeröder die Aufgabe praktisch an - wie Thomas Pönitz, der ein Fachwerkhaus an der Schönen Ecke nach ökologischen Maßgaben saniert. Dafür erhält er den Umweltpreis der Stadt.

Wernigerode l Es sind die roten Ziegel, die das Fachwerkhaus von den anderen an der Schönen Ecke abhebt. "Vor 300Jahren sahen hier alle Häuser so aus", sagt Thomas Pönitz. Der Dachdeckermeister saniert das historische Gebäude in der Wernigeröder Innenstadt. Ungewöhnlich ist, wie er das tut - so nachhaltig und ökologisch wie möglich. Dafür erhält Pönitz den Umweltpreis der Stadt Wernigerode, den er sich mit der Klasse 9b der Sekundarschule "Thomas Müntzer" teilt. Verliehen wird der Preis in der Stadtratssitzung am 4. Dezember.

Geplant hatte Pönitz das nicht. "Ich bin 2009 hier vorbeigefahren und habe zufällig das Schild mit der Aufschrift ,Zu verkaufen` gesehen", berichtet der 40-Jährige. Das Angebot ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Das Fachwerkhaus hatte seit der Wende leer gestanden, eine Erbengemeinschaft hatte zehn Jahre lang vergeblich versucht, es zu verkaufen.

Der marode Zustand des Gebäudes schreckte viele Interessenten ab. "Das letzte, was hier modernisiert worden ist, war 1974 die Wasserleitung." Der erfahrene Handwerker sah hingegen das Potenzial, schlug zu und wurde für wenig Geld Besitzer des Hauses. Darin und um das Gebäude herum sah es wild aus. "So hoch lag hier der Schutt", sagt er im Hinterhof und streckt den Arm gerade vor der Brust aus.

Als der gröbste Schutt beiseite geräumt war, merkten Pönitz und seine Helfer schnell: Dass das Haus so lange nicht mehr saniert worden ist, war ein Glücksfall. "Dadurch war kein Nachwendemüll eingebaut worden. Hier ist sehr viel originale Bausubstanz vorhanden, die wir erhalten konnten", sagt Thomas Pönitz.

Er bemüht sich, das Material, mit dem das Haus einst gebaut wurde, wieder zu verwenden. Die mehr als 100 Jahre alten Dielen konnte er aufarbeiten, auch die Beschläge an den Fenstern sind alt, ebenso die gusseisernen Heizkörper. Die Rogensteine, die einst die Feuerstelle in der Küche umschlossen haben, dienen nun als Schlusssteine in der Außenwand.

Material stammt aus historischen Gebäuden

Selbst den Lehm, mit dem die Wände früher verputzt worden sind, verwendet er wieder. "Wir habe keinen Eimer Lehm zur Tür herein- oder herausgetragen", sagt er. Material stammt auch aus anderen historischen Gebäuden. "Diese Fachwerkwand haben wir aus einer Scheune in Darlingerode gerettet", sagt Pönitz und zeigt auf die Wand im Hof. Die Balken, die den Balkon im Obergeschoss abstützen, hat er von einer Baustelle geborgen. "Wunderbares Holz, behauen, ohne Nägel, acht Meter lang - so etwas bekommt man nicht im Handel", sagt Thomas Pönitz. Mauersteine aus Veckenstedt, Ziegel aus der Altmark - es hilft, dass Pönitz Handwerker ist und ungern wegwirft, was noch zu gebrauchen ist.

Dadurch stimmt die Energiebilanz des Hauses - denn Material, das bereits vorhanden ist, belastet das Klima nicht zusätzlich. Wo es nötig war, hat der Wernigeröder auf moderne Baustoffe zurückgegriffen. Für die Isolierung der Fußböden hat er Schaumglas verwendet. "Ein umweltneutraler Recyclingstoff mit guten Dämmeigenschaften", urteilt er. Außenwände und Dachgeschoss sind mit Platten aus Hanfwolle gedämmt.

Ökologisches Sanieren dauert seine Zeit

In 24Berufsjahren habe er viel darüber erfahren, wie in vergangenen Jahrhunderten gebaut wurde. "Auch wir sollten unseren Kindern etwas hinterlassen." Viele Handwerker böten Alternativen zum herkömmlichen Bauen. "Wer mit Lehm putzt, ist kein Exot mehr." Dass darin die Zukunft liegt, davon ist Thomas Pönitz überzeugt: "Viele Menschen verwenden heutzutage leider Baustoffe, die später schwer zu entsorgen sind. Die Leute werden es irgendwann leid sein, im Sondermüll zu wohnen."

Nötig ist dazu ein Bewusstseinswandel. "Viele wollen die schnelle Vermietung, das schnelle Geld. Aber das funktioniert nicht", sagt der Handwerksmeister. Wer ökologisch sanieren will, brauche Zeit. "Der Lehm muss vier Wochen trocknen." Seit mehr als vier Jahren saniert er das Haus, Ende 2014 will er fertig werden.

Dann soll über vier Etagen verteilt auf 140 Quadratmetern Wohnfläche ein Ferienhaus mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern, Küche und Wohnstube entstehen. "Man muss hochwertige Angebote vorlegen, etwas, was zur Stadt passt", sagt er. Wie die roten Ziegelsteine an der Fachwerkfassade: Diese waren mit zehn Schichten Farbe übermalt. "Da haben wir einen kleinen Trick angewandt und die Steine einfach umgedreht", sagt Pönitz und lacht.

 

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