Der Immobilienmarkt in Wernigerode ist wie leergefegt. Besonders Familien verzweifeln bei der Suche nach einer Bleibe. Die Volksstimme berichtet über die Wohnungssuche in Wernigerode in einer neuen Serie. Heute Teil 1: Zwangsversteigerungen im Amtsgericht.

Wernigerode l Im Wernigeröder Amtsgericht liegen Freud und Leid nah beieinander. Dort kommen Immobilien unter den Hammer, deren Besitzer in vielen Fällen in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind. "2013 fanden rund 80 Zwangsversteigerungen statt", sagt Rechtspfleger Andreas Gaschler im Volksstimme-Gespräch. Versteigert werden private sowie gewerbliche Immobilien und Bauland in Wernigerode, im Oberharz und im nördlichen Harzvorland.

Seit sieben Jahren arbeitet Gaschler im Wernigeröder Amtsgericht. Die bunte Stadt sei ein beliebtes Wohndomizil, das Interesse an den Versteigerungen dementsprechend groß. "In den Städten herrscht generell eine größere Nachfrage als auf dem Land", sagt der Rechtspfleger. "In Wernigerode ist die Lebensqualität hoch, die Leute fühlen sich wohl. Der Markt ist hier auch bei Zwangsversteigerungen fast leergefegt. Bei einer attraktiven Immobilie kann durchaus ein Höchstgebot erzielt werden, das weit über dem Verkehrswert liegt."

Markt ist fast leergefegt

Attraktiv seien für Bieter neben neuen Einfamilienhäusern voll vermietete Mehrfamilienhäuser. Selbst für sanierungsbedürftige Gebäude fänden sich in Wernigerode Interessenten wie Handwerksbetriebe, die diese Häuser dann in Eigenregie in Schuss bringen. Bei begehrten Immobilien kämen zwischen 20 und 30 Bietinteressenten. "Stark sanierungsbedürftige Häuser liegen dagegen meist unter dem Verkehrswert", sagt Andreas Gaschler.

Von der Beantragung bis zum Versteigerungstermin könne ein Jahr vergehen. "Zunächst wird die Versteigerung angeordnet, dann beauftragt das Gericht einen unabhängigen Sachverständigen, der ein Gutachten zum Verkehrswert der Immobilie erstellt", erläutert er. "Wenn das Gutachten vorliegt, wird es öffentlich gemacht. Dann hat jeder Beteiligte die Möglichkeit, angehört zu werden und Rechtsmittel einzulegen."

Exposés finden Interessenten im Internet unter www.zvg-portal.de. Zudem werden Versteigerungen im Amtsgericht, im Rathaus oder bei der jeweiligen Kommune per Aushang angekündigt. Zusätzlich wird eine Anzeige in der Tageszeitung geschaltet. Gutachten können zu den Öffnungszeiten des Amtsgerichtes eingesehen werden.

Bei der Versteigerung müssen sich Bietinteressenten mit dem Personalausweis oder Reisepass ausweisen. Mindestens 30 Minuten dauert die Bietzeit. Eine wichtige Aufgabe des Rechtspflegers sei es, darauf zu achten, dass die Immobilie nicht verschleudert wird. "Wenn jemand beim ersten Termin weniger als 50Prozent des Verkehrswertes bietet, muss ich den Zuschlag versagen", erläutert Gaschler.

60 Immobilien versteigert

In diesem Fall kommt es einige Monate später zu einem zweiten Termin, bei dem diese 50-Prozent-Wertgrenze entfällt. "Der Gläubiger hat das Verfahren aber immer in der Hand." So sei es schon vorgekommen, dass für ein sanierungsbedürftiges Mehrfamilienhaus (Verkehrswert 80000Euro) ein Gebot von 50000Euro abgelehnt wurde, weil sich die auswärtige Bank wenigstens 130 Prozent des Verkehrswertes erhofft hatte. Auch der Schuldner hat über sogenannte Vollstreckungsschutzanträge die Möglichkeit, auf den Verfahrensablauf Einfluss zu nehmen.

Bei Zwangsversteigerungen wird in Forderungs- und Teilungsversteigerungen unterschieden. Zu Forderungsversteigerungen kommt es, wenn ein Schuldner seine Raten beim Gläubiger - meist einer Bank - nicht mehr zahlen kann. Die Bank beantragt die Zwangsvollstreckung. Teilungsversteigerungen werden im Zuge von Ehescheidungen oder bei der Auflösung von Erbengemeinschaften beantragt. Vorteilhaft ist für Bieter, dass sie bei Versteigerungen keine Makler- oder Notarkosten tragen.

"Die Anzahl der Versteigerungen ist bundesweit rückläufig", sagt der Rechtspfleger. "Das ist grundsätzlich erfreulich." Man dürfe nicht vergessen, dass hinter vielen Versteigerungen menschliche Schicksale stehen. In Wernigerode werden seinen Schätzungen zufolge 2014 etwa 60Immobilien unter den Hammer gekommen sein.

Hinweise für Bietinteressenten hat Andreas Gaschler in einem Merkblatt zusammengefasst, das im Amtsgericht kostenlos erhältlich ist.